„Die Fahne zurückholen“: Der Bundestrainer hat die Rede des Bundeskanzlers gehalten

Darf man stolz sein, ein Deutscher zu sein? Ist das mit Weltoffenheit, Empathie auch für Menschen anderer Nationen und Freundlichkeit ihnen gegenüber vereinbar? Jürgen Klopp denkt, dass das so ist. Einhundertprozentig.

Natürlich hat er recht. Die verbissenen grünen und linken Antideutschen, die die Deutschlandfahnen von den Autos gerissen haben, werden uns jetzt wieder erklären, dass man stolz nur auf das sein kann, was man selbst geleistet hat. Nein, man kann auch auf das stolz sein, was die Vorfahren, die Vorgänger geschafft haben. Das geht allerdings nur, wenn man beziehungsfähig ist und sich nicht auf das eigene Ich reduziert.

Diese Gemeinschaftsfähigkeit hat zwei Dimensionen: a) eine „vertikale“, die von der Gegenwart in die Vergangenheit und Zukunft hineinreicht und b) eine „horizontale“, die erst durch die vertikale ermöglicht wird: das Bogenschlagen zu den Mitmenschen in der Gegenwart. Das können nicht alle vernunftbegabten Lebewesen im Universum sein; wir brauchen schon „Großfamilien“, große Gruppen von Menschen, die trotzdem noch zusammengehören durch eine gemeinsame Sprache, Mentalität und Kultur.

Zwischen diesen nationalen „Familien“ kann es dann einen freundlichen Wettbewerb geben. Jeder bringt die gewachsenen Stärken und Tugenden seiner Mentalität ein, so wie das auch im Kleinen innerhalb einer Nation – und noch kleiner – innerhalb einer Familie ist. Jedenfalls entsteht Entwicklung nicht aus einem gleichgemachten Allerlei, sondern aus Unterschieden, die sich auf freundliche Weise widersprechen und dadurch gegenseitig anregen.

Wenn der Bundeskanzler, so ähnlich wie Jürgen Klopp und wie es schon vor Jahrzehnten der erste französische Nachkriegspräsident Charles de Gaulle in einer Rede an die deutsche Jugend getan hatte, sagen würde: Wir – die Deutschen – sind eine große Nation, wir können stolz auf uns, unsere Kultur und Sprache, Wissenschaft und Technik sein. Dann gäbe es einen Entwicklungsschub. Denn Persönlichkeits- und Nationalentwicklung brauchen Liebe, zuerst Selbstliebe, auch und gerade deswegen, damit es möglich ist, mit anderen großzügig und liebevoll umzugehen.

So wie die Franzosen stolz – zum Beispiel – auf Pegeout und Citroen sind, können wir stolz auf  Mercedes und BMW sein. (Der französische Film „Oh la la – Wer ahnt denn sowas?“, dessen 2. Teil gerade im deutschen Kino läuft, nimmt das charmant auf die Schippe.) Sie haben wie zum Beispiel auch Siemens oder Carl-Zeiss-Jena einen Klang in der Welt. Sie stehen für Premiumqualität. Darauf kann jeder Deutsche stolz sein, auch wenn er in keinem dieser Konzerne arbeitet.

Es sind die deutschen Tugenden, die uns groß gemacht haben: Genauigkeit, Gründlichkeit, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Wir haben uns – auch mit diesen Tugenden – in der Geschichte schuldig gemacht, wie andere Nationen im Ringen um einen guten „Platz an der Sonne“ auch. Das begann schon vor dem 1. Weltkrieg. Napoleon hatte fast alle Staaten in Europa angegriffen und unterworfen. Am Ausbruch des 1. Weltkrieges waren alle damals führenden Nationen gleichermaßen schuld. Nicht Deutschland allein oder primär hatte diesen Weltkrieg begonnen, aus dem sich dann der Versailler Vertrag und der 2. Weltkrieg ergaben.

Die besondere deutsche Schuld besteht im Rassenwahn, der im 2. Weltkrieg in der „industriellen“ Ermordnung von sechs Millionen Juden gipfelte. Gerade deswegen müssen Deutsche mehr denn je auf Mitmenschlichkeit achten, auch wenn die Opfer jetzt nicht mehr nur und vor allem Juden sind, sondern zum Beispiel Palästinenser. Das ist die Lehre aus der Geschichte: jede Art menschenverachtender Gewalt entschieden zu bekämpfen und nicht nur die gegen eine spezielle Menschengruppe.

Wir sind eine wirtschaftliche Großmacht, die drittstärkste Industrienation der Welt und die stärkste in Europa. Es würde schon etwas ausmachen, wenn wir uns wie andere europäische Nationen strikt gegen alle Formen menschenverachtender Gewalt wenden würden, zum Beispiel auch gegen die, die von israelischen Siedlern gegen Palästinenser ausgeübt wird.

„Keine Gewalt“ – in diesem Sinn der friedlichen Revolution, die 1989 in Leipzig begann, halten heute alle Deutschen zusammen, müsste der Bundeskanzler sagen, die, deren Vorfahren schon lange vorher hier lebten und die, die neu hinzugekommen sind. Jeder, der das, was uns eint, unsere Mentalität und Sprache, unsere Lebensweise respektiert, oder der sich zumindest ernsthaft darum bemüht, ist für uns ein „Deutscher“ bzw. wird es sein, egal, woher er kommt. Wichtig ist, dass er im mentalen, kultur-sprachlichen Sinne jetzt hier ist und innerlich wirklich hier sein will.

Das könnte uns einen. Es gibt im psychischen Sinn nichts Wichtigeres als dazuzugehören, es zu dürfen und zu sollen, ehrlich dazu eingeladen worden zu sein. Das gilt für die Familie  ebenso wie für Nationen. Aber das Dazuzugehören ist nur dann erstrebenswert, wenn die Gemeinschaft, um die es geht, stark und stolz ist, auch und zuerst auf sich selbst. Da schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei Jürgen Klopp. Ich bin überzeugt, dass eine so geführte Nationalmannschaft erfolgreich sein wird. Das gleiche gilt für die deutsche Nation, aber der fehlt leider noch ein charismatischer „Bundestrainer“ als Kanzler.

 

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