Wenn die Möchtegerne auf die Habenixe treffen oder: Von der Infantilität der deutschen Gutmenschen

Das meine ich gar nicht nur materiell, sondern auch kulturell: In Halle (das zum Glück zu Sachsen-Anhalt gehört, in dem Anfang September ein neuer Landtag gewählt wird), gibt es ein Vorkommnis, das die „guten Menschen“ vor einigen Jahren noch viel mehr aufgeregt hätte, als dies heute der Fall ist: 

In einem öffentlichen Freibad wird Badegästen, die offensichtlich nicht einmal ein einfaches Deutsch verstehen, der Zugang verweigert, nachdem ein kleines Kind, dessen Eltern das Personal nicht verstanden, beinahe ertrunken wäre.

Die Stadt Halle begehrt auf: Das Personal solle doch gefälligst Englisch sprechen. Weil aber nicht alle Menschen auf der Welt so streberhaft gelehrig sind wie die Deutschen („ich weiß was, ich kann was, ich kann Englisch!“), ist noch gar nicht gesagt, ob diese Badegäste das verstanden hätten. Soll das Personal eben noch Türkisch oder Arabisch lernen!

Das ist die geltende Logik in Deutschland: Die gesellschaftliche bzw. staatliche Gemeinschaft soll sich immer mehr individuellen Bedürfnissen anpassen. Auf keinen Fall kann das in Deutschland umgedreht von den Einzelnen verlangt werden, dass diese sich hin auf das deutsche, staatliche Gemeinwesen zubewegen, dass zum Beispiel Menschen, die hier in Deutschland auf deutsche Kosten leben, die Sprache ihrer Ernährer lernen. „Sollen die doch gefälligst mehr und besser Fremdsprachen lernen!“ – Dieser Anspruch ist angesagt hier, und die dummen Deutschen erfüllen ihn. Das muss wirklich ein dummes Volk sein.

Wenn Deutschland ein Vier-Sterne-Hotel wäre und die Leute viel Geld bezahlt hätten, um hier Urlaub machen zu können, würde ich es einsehen, dass das Hotelpersonal auch Englisch kann, als einen Sprachen-General-Schlüssel sozusagen und gegebenenfalls auch noch weitere Sprachen der zahlenden Kundschaft, wenn viele dieser „Zunge“ im Hotel sind. Wenn sich aber jemand retten lässt von Deutschland, dann kann er doch nicht immer mehr verlangen, einen Rettungswagen sozusagen, der zugleich auch ein Luxus-Wohnmobil sein soll.

Die Sonder- und Vorrechte Einzelner gegenüber der Gemeinschaft – das ist eine Mentalität, die nicht nur für geflüchtete Einwanderer zutrifft, sondern auch für die Deutschen selbst: Es  geht schon in der Kita und der Schule los: Eltern sind empört: Mein Kind hat amtlich diagnostiziert ADHS oder ASS, passt euch ihm gefälligst an, macht es ihm recht, so wie wir es zu Hause auch tun.

Lauter Sonderrechte. Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis mehrere Fahrzeuge, die alle mit Blaulicht und Martinshorn durch die Stadt kurven, zusammenstoßen.

Ich habe mir die Finger hier auf dieser Seite diesbezüglich schon wundgeschrieben: Vollsatte Menschen entwickeln sich nicht, sie bleiben genauso, wie sie es waren und immer noch sind. Nur eine Gesellschaft, die Geld im Überfluss hat, so wie das in Deutschland noch bis zu den Merkel-Zeiten war, kann sich in eine solche verrückte Lebensanschauung verrennen.

Sie hat Deutschland zu dem Platz geführt, wo es sich zur Zeit auf dem Gebiet der Erziehung und Bildung befindet: bei den PISA-Leistungstests im unteren Mittelfeld, sowohl in Europa als auch in der Welt. Und das bei all den Beratungsstellen, der hochmodernen interdisziplinären medizinisch-pädagogisch-psychologischen Forschung. Was sollen da unsere Vorfahren aus dem deutschen Kaiserreich sagen, wo es von all dem keine Spur gab?

Was schon? Sie haben richtig schreiben, lesen (aber bloß Deutsch, nicht Englisch) und rechnen gelernt, in der achtklassigen Volksschule besser als das heute Abiturienten nach 12 oder 13 Schuljahren können.

Die Medizin, sich immer mehr dem Einzelnen mit seinen Besonderheiten anzupassen, hat offensichtlich nicht geholfen. Weil es eine einfache Wahrheit ist: Ohne einen gewissen Anpassungsdruck ändert und bessert sich kein Mensch. Das Problem ist nicht dieser Druck selbst, sondern ob er richtig dosiert ausgeübt wird und – noch wichtiger – mit genug Wohlwollen und Optimismus verbunden ist. Trotzdem, obwohl diese Wahrheit so auf der Hand liegt, setzen die Verantwortlichen in Deutschland weiter auf noch mehr Individualisierung. „Wir haben uns gründlich verlaufen! Aber das sehen wir gar nicht ein. Wir fordern einfach bessere Macheten, um uns durch den wilden Lebensdschungel schlagen zu können!“

Die, die auf die Individualisierung als Königsweg setzen, fordern nun noch mehr davon, nachdem die Probleme und die Kosten immer höher werden. Das ist wie bei einem Auto, das festsitzt im Schlamm und dessen Fahrer nur eins einfällt: Noch mehr Gas zu geben, wodurch sich die durchdrehenden Räder noch tiefer eingraben. Ich kann diese dümmliche Arroganz immer schlechter ertragen. Wahrscheinlich haben die erwachsenen Sonderpädagogen sie – offenbar unmerklich – von denen übernommen, denen sie aus ihrer kindlichen bzw. jugendlichen Entwicklungskrise heraushelfen sollen. Diese fordern ja auch ganz empört, dass die Eltern doch zum Geldautomaten gehen sollen, wenn sie angeblich kein Geld für das neue Smartphone haben, das der Junge / das Mädchen unbedingt braucht.

Das ist eine unreife, innen- und bedürfnisorientierte Sichtweise, wobei ich jetzt sogar außer Acht lasse, dass das meistens keine Bedürfnisse, sondern Gelüste sind. So ist das Leben aber nicht. Es geht nicht darum, was einer will und braucht, sondern was die Gemeinschaft, der er entstammt, zur Verfügung hat. In einem anderen Beitrag, den ich jetzt nicht finde (vielleicht gelingt Ihnen es mit der Suchfunktion), hatte ich diese Mentalität schon bei den Bürgergeldempfängern beschrieben: Ich brauche das und das. Da kann der Staat nur sagen: Wir haben aber kein Geld mehr, so wie das Eltern, die ein Haus bauen, gegenüber ihren Kindern tun: Wir bauen das Haus auch für dich, du wirst es einmal erben, aber genau deswegen können wir uns jetzt, das, was wir alles gern hätten, gerade nicht leisten, keinen teuren Urlaub zum Beispiel. Das ist eine einfache Lebenslogik, die aber in die Hirne der Anspruchsteller nicht hinein geht.

Lange konnte man in der Welt sagen: Das bezahlt Deutschland, das Land, das netto doppelt so viel in den EU-Haushalt einzahlt wie der Zweitplatzierte Frankreich und das zu den Hauptfinanziers der UNO und der internationalen Entwicklungshilfe gehört. (Davon profitiert Deutschland als Exportnation überhaupt nicht, wie dreist behauptet wird. Es profitiert wie alle anderen vom gemeinsamen zollfreien Markt. Dieser existiert aber unabhängig von den immensen deutschen Überzahlungen.) Jetzt bekommen die Politiker der „demokratischen Mitte“ langsam Fracksausen, denn der Wähler haut ihnen diese Mentalität „Erst die anderen, dann Deutschland“ um die Ohren.

Sie können es nicht mehr so leicht riskieren, Milliarden für Milliarden im Ausland zu versenken, wo ein Großteil dieses Geldes auch noch in dunklen Kanälen versickert, während das Geld für die Alten und wirklich Kranken im eigenen Land immer mehr gekürzt wird.

Das sind auch „Möchtegerne“ – sie möchten gern mehr Unterstützung von dem Staat, den sie jahrzehntelang mit ihren Steuern am Laufen gehalten haben. Kriegen sie aber nicht, denn dieser Staat ist inzwischen ein Habenichts. Da treten neue Möchtegerne auf mit einer anderen Mentalität, für die man ein neues Wort bräuchte, zum Beispiel die „Willaber“ mit einem ähnlichen Anspruchsdenken wie kleine Kinder, die sich noch in ihrer egozentrischen Entwicklungsphase befinden: „Ist mir doch egal, dass ihr kein Geld habt, ich will es aber und wenn ich es nicht kriege, schlage ich hier alles kaputt!“ („Macht kaputt, was euch kaputt macht!“)

Und dann, liebe Gutmenschen, was ist mit den Autisten und ADHS-Menschen in der Sahelzone? Steht denen das deutsche Geld nicht etwa auch zu, genauso wie denen, die es nach Deutschland geschafft haben!? Das ist das Wunschdenken eines Leonid Breschnew, der gesagt hat (zwar nicht wörtlich, aber sinngemäß): „Der Plan ist richtig, bloß die Realität ist falsch! – Wir überholen die USA in den nächsten fünf Jahren! Das hat der Parteitag der KPdSU so beschlossen und das gilt!“ Ist das nicht genauso ein Wunschdenken wie das derjenigen, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass Kürzungen in der Unterstützung und Förderung einzelner Problem-Macher unumgänglich sind, dass sie zumindest mit einem gewissen Druck verbunden sein müssen, die, die ihnen helfen wollen, nicht weiter zu attackieren.

Das spüren Problem-Macher, wenn es um das Leben geht, in Kriegszeiten zum Beispiel: Ich muss mich jetzt anpassen, nach dem ausstrecken, was angesagt ist, oder ich gehe unter. Es gibt auch einen hilfreichen Lebens- und Leidensdruck, sich selbst zu überwinden, die eigenen Grenzen sozusagen zu überspringen, wenn, ja wenn zugleich wohlwollende Menschen da sind, die Liebe und Halt geben.

So ähnlich wie bei der „Babitschka, von der Karel Gott sang: „Löcher in den Strümpfen, oh was konnt‘ sie schimpfen, doch wir wussten, dass sie es nicht so meint.“ Schimpfen, und dann vielleicht sogar noch ungegendert, das geht heute gar nicht. So haben wir die Welt bekommen, die wir verdient haben.

 

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