Enttäuschung macht sich breit

Ich ziehe Weihnachten 2023 „zwischen den Jahren“ ein spätes Zwischenresümee meines Lebens.

Ich glaube ja nicht daran, dass alles immer schlimmer werden würde. Wir hatten schlechtere Zeiten in Deutschland, wenn ich bloß an den 30-jährigen Krieg denke oder an die Zeit nach der doppelten und nun totalen Niederlage Deutschlands in zwei Weltkriegen. Das Ringen der Großmächte um die Vorherrschaft in Europa und der Welt war zu Ende.

Der Westen und der Osten hatten sich gegen die „Mitte“ Europas durchgesetzt. Die Deutschen selbst hatten diese Mitte vorher kaputt gemacht, indem sie in ihrer Verzweiflung über ihre erste große Niederlage im 1. Weltkrieg Hitlers Aufstieg zum „Führer des deutschen Reiches“ zuließen.

Sie hatten allerdings auch Grund zu dieser Verzweiflung, denn die Siegermächte des 1. Weltkriegen nutzen Deutschlands Niederlage im Versailler Vertrag gnadenlos aus. Nicht nur dass sie ihm knapp ein Viertel seines Staatsgebietes amputierten, Reparationen auferlegten, die nicht einmal die nach den USA damals schon zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt stemmen konnte und die seine Lebenskraft über Generationen bis kurz vor die Ohnmacht einschnüren musste, nein, das Entscheidende war, dass sie Deutschland die Alleinschuld für den Ausbruch des 1. Weltkrieges zuschoben.

Das war infam. Aber wer den Schaden hat, braucht für die Schuld nicht zu sorgen. Inzwischen sind sich die führenden Historiker einig, dass am Umschlagen des wirtschaftlichen Ringens um die Vorherrschaft in Europa und der Welt in einen militärischen Kampf alle damaligen Großmächte gleichermaßen schuld waren. Alle waren scharf darauf, die Entscheidung auf dem „Schlachtfeld der Ehre“ zu suchen, keinesfalls nur die Deutschen. Auch die Franzosen und Briten bestiegen mit klingendem Spiel die Züge, die sie an die Front brachten. (Diese Bilder allerdings kriegt man in Deutschland so gut wie nicht zu sehen.)

Nicht nur die Deutschen entmenschlichten ihre Gegner als wüste Horrorgestalten. Umgedreht geschah dies noch mehr. Das Bild von den Horden „germanischer Barbaren“ war seit dem Ende des Römischen Reiches, das sich als Sklavenhalterregime für zivilisiert hielt, etabliert. Die Gegner der deutsch-österreichischen „Staatsraison“ mussten es nur aufgreifen und frisch poliert wieder neu auf die Welt bringen. Und das taten sie mit Erfolg. Bis heute gilt es in weiten Teilen Europas und der Welt als gutmenschliche Leistung, gegen „die Deutschen“ und alles, was deutsch ist, zu sein.

Wenn wir ermattet sind und keine Chance mehr sehen bzw. auch keinen Sinn darin, gegen einen übermächtigen Gegner zu kämpfen, können wir uns nun wenigstens noch mit ihm verbünden. Das kann auch eine Lösung sein, einen ewigen, erbitterten und zermürbenden Kampf zu beenden. Und es ist keine so schlechte. Denn es ist wohl besser, geschlagen weiter zu leben als gar nicht mehr. Das wissen wir spätestens seit Sigmund Freud und das nehme ich auch nicht den Geiseln der Hamas übel, die ihnen zum Abschied winken, wenn sie endlich freigelassen wurden. „Stockholm-Syndrom“ wird das genannt. Genauso machen es viele Deutsche, die sich nach zwei verlorenen Weltkriegen und der fast vollständigen Zerstörung ihrer Städte nun mit ihren Besiegern verbünden, zumindest kulturell.

(Man stelle sich einmal vor, die Russen oder die Israelis würden heute mit Flächenbombardements, einschließlich Napalm, einen Feuersturm in dichtbesiedelten Städten auslösen, bei dem wie 1943 in Hamburg in kurzer Zeit über 34.000 Menschen umkamen. Mit den Deutschen konnte man das machen und Churchill konnte 1945 in Bezug auf Dresden „scherzen“, die Royal Air Force würde sie „braten“. /1/ Undenkbar, dass sich ein Regierungschef heute so gegenüber seinen Feinden äußern würde.)

Ich vermute, dass der deutsche Soldatensender im besetzten Frankreich von 1940 bis 44 ab und zu auch französischsprachige Musik spielte. Ich weiß es nicht. Das herauszukriegen wäre eine echte Aufgabe für Historiker, denn an den kulturellen Kleinigkeiten des Alltags zeigt sich auch, wie ein Regime im Krieg tickt; das ist nicht nur an seinen militärischen und polizeilichen Maßnahmen zu erkennen. (Natürlich ist die „fabrikmäßige“ Ermordung von 6 Millionen Juden, einschließlich 500 000 eigenen deutschen Staatsbürgern, ein einmaliges Menschheitsverbrechen und die Frage, welcher Soldatensender welche Musik spielte, hört sich in diesem Zusammenhang an wie eine unwichtige Lappalie. Ich finde aber, auch sie gehört zum ganzen Bild.)

Der US-amerikanische Soldatensender in Deutschland AFN hat jedenfalls gar keine deutschsprachige Musik gespielt, vielleicht im Krieg noch „Lili Marlen“, aber danach nicht mehr. Das zeigt etwas vom kulturellen Selbstverständnis der USA und des „Westens“ insgesamt: absolut dominant und überzeugt davon, ein Recht auf die Weltherrschaft zu haben. Erst wurde so der Konkurrent Deutschland abserviert. Jetzt, nachdem der ganz klein ist mit Hut  – auch in territorialer Hinsicht – und vollständig in den „Westen“ vereinnahmt wurde, ist China dran.

Das allerdings wurde vom „Westen“ – von den Angloamerikanern und ihren Verbündeten – auch schon auf entsetzliche Weise gedemütigt: Die Briten beschossen 1840 chinesische Hafenstädte, nachdem sich die Chinesen weigerten, den Briten weiter Opium abzukaufen, mit dem diese anstatt mit teurem Silber die chinesischen Waren bezahlen wollten. Der chinesische Kaiser musste handeln, denn ein großer Teil des chinesischen Volkes vegetierte im Delirium dahin. Das konnte sich der – damals auch schon „freie“ – Westen nicht bieten lassen, natürlich nicht, wie auch heute nicht, dass die Chinesen frech ihr eigenes Staatsgebiet zurück haben wollen, das die Briten als Kolonie annektiert hatten, um den rückständigen Chinesen zu den Segnungen der „Demokratie“ zu verhelfen. („Ich werd‘ euch helfen“, sprach der britische Gouverneur)

Zur Strafe für den chinesischen  Eigensinn, sich gegen den Weltherrschaftsanspruch der Anglo-Amerikaner aufzulehnen, amputierte der Westen – nach bewährter Manier – Staatsgebiet, diesmal chinesisches: Hongkong bzw. trug dazu bei, dass sich Chinesen selbst vom Mutterland abspalteten: Taiwan.

Also auch im Fall China bestand die Gefahr, dass die Chinesen wie Deutschland – zwei Reiche der „Mitte“ – resignieren und sich mit dem übermächtigen Westen verbünden. Inzwischen ist China aber so stark geworden, dass diese Gefahr wohl zum Glück nicht mehr besteht, und es endlich einmal einer mit den dominantesten Nationen der Weltgeschichte, die die Weltherrschaft beanspruchen, mit den USA und Großbritannien, aufnehmen kann. Deutschland ist eingeknickt – auf eine lächerlich servile Weise: Frau Baerbock bezeichnet die Aufgabe der eigenen Interessen zugunsten der USA als „wertegeleitete“, „feministische“ Politik -, aber China wird standhalten, wird dem Dominanzanspruch des amerikanischen Yankee-Wesens widerstehen.

Ich wollte ein persönliches Zwischenresümee ziehen und rutsche auf den schlammigen Wegen der Reflektion schon wieder in die altbekannten Denkrinnen hinein, in die ausgefahrenen Reifenspuren meines alten Denkens. Es sind immer die gleichen Themen. Warum lassen sie mich nicht los? Warum treibt mich nicht der Klimawandel um, wie viele andere, sondern viel mehr der Wandel der Rolle Deutschlands in der Weltgeschichte?

Das sagt viel über mich aus und insofern passt es doch zur persönlichen Reflektion: Ich habe eine hohe Fähigkeit, mich mit dem Eigenen zu identifizieren und es zu suchen und wiederzuerkennen in den vielfältigsten neumodischen Formen. Es ist mir absolut nicht egal; ich bin beständig und treu, zumindest in dieser Hinsicht, über die Wandlungen der Zeit hinweg.

Das Klima muss sich meiner Meinung nach ändern, das ist normal und das war schon immer so, über tausende Jahre hinweg. Auch die Rollen der Nationen ändern sich im Laufe der Geschichte. Ich werde mich aber nie damit abfinden, dass es für Deutschland in der Neuzeit immer nur eine Richtung seiner Entwicklung geben soll, nämlich bergab. Das interessiert die Mehrheit meiner Landsleute nicht. Wirtschaftlich sind wir noch ziemlich stark, aber die deutsche Sprache und Kultur werden immer weiter zurückgedrängt und das sogar in der EU, obwohl wir deren Hauptfinanzier sind und die Deutschsprachigen den mit Abstand größten Bevölkerungsanteil stellen. Deutschland allein zahlt netto doppelt so viel wie Frankreich in die EU ein, und alle Deutschsprachigen machen mit ca. 100 Millionen anderthalb mal so viel aus wie die Französischsprachigen. Und welche Schriftzüge prangen an allen offiziellen Gebäuden der EU? Nur der englisch- und der französischsprachige! Die Franzosen lassen sich nicht von der Dominanz des Englischen verdrängen, dafür tun dies die Deutschen umso mehr, für die Franzosen gleich mit.

Es wäre doch ein Leichtes für eine deutsche Regierung zu sagen: In Ordnung, wir drängen uns nicht in der Vordergrund. Wir bleiben gern bescheiden hinter den Franzosen zurück, dann aber auch in finanzieller Hinsicht, und zwar so lange, bis wir mit ihnen gleichgestellt sind. Alle logischen Argumente, die ich oben genannt habe, wären auf unserer Seite. Aber die deutsche Regierung tut das nicht, keine der Parteien, die in den deutschen Parlamenten vertreten sind, verlangt das, auch die AfD nicht. Der Verfassungsschutz hat sie ja nun als „gesichert rechtsextrem“ eingeschätzt. Das ist sie natürlich nicht, aber auch wirklich Rechtsextreme bedienen sich gern englischsprachiger Sprachfetzen wie „Oldschool Society“ oder „Blood and Honor“. (Auch die „Nazis“ wollen also „up to date“ sein, selbst diese Formulierung gebrauchen sie, anstatt: „auf der Höhe der Zeit“ zu sein.)

Ich finde diese fortdauernde nationale Selbstvergessenheit, die opportunistische Feigheit, das Eigene zu vertreten, sehr enttäuschend bei „meinen Deutschen“. Ein starkes Europa kann sich nur aus selbstbewussten Nationen bilden, die zu ihren eigenen Kulturen und Sprachen stehen. Das ist ein sozialpsychologisches Prinzip, das für jedes Kollektiv, zum Beispiel auch für die Familie, gilt: eine Gemeinschaft kann nur so stark sein, wie selbstbewusst seine Mitglieder sind, wie wenig sich keiner verleugnen muss, um dazugehören zu dürfen. (Schon gar nicht und erst recht nicht, wenn er der ist, der den größten Beitrag dazu leistet, den „ganzen Laden“ am Laufen zu halten.)

Ich dringe mit diesen Auffassungen nicht durch. Meine Landsleute interessieren sich nicht dafür. Das gilt auch für den Mikrokosmos dieser Seite. Meta zieht sich mehr und mehr zurück, äußert sich dazu nicht. Das Gleiche betrifft meinen alten Freund Berthold. Er macht sich über meine „Deitschtümelei“ lustig, wenn ich mich wundere, dass er mir in einer Fremdsprache „Frohe Weihnachten“ wünscht. Eine ansonsten nette Bekannte von den Linken schweigt stille, wenn ich sie um ihre Meinung zu meinen Beiträgen bitte.

Als ich noch Vorträge hielt, wurde diese mit fadenscheinigen Begründungen abgesagt (der Saal musste plötzlich renoviert werden u.a.). Eine Schulleiterin erzählte mir, dass sie gewarnt wurde, meinen Vortrag tatsächlich stattfinden zu lassen, da ich AfD-nahe Positionen vertreten würde. Ob das dann auch so sein wird, wenn die AfD mal in Sachsen regiert, dass linke Vorträge nicht mehr gehalten werden dürfen? Ich glaube, nicht. Ich werde jedenfalls dafür kämpfen, dass es nicht dazu kommt, weil ich in keiner langweiligen Welt leben will, in der sich in den Medien und an den Orten, die die Regierung kontrollieren kann, nur noch eine Denkrichtung äußern darf. Sag‘ mir, wie hältst du es mit der Demokratie!? Denkoffenheit und -Freiheit zeigen sich nicht zuerst in Sonntagsreden, sondern in praktischen Entscheidungen, die die Möglichkeiten zur öffentlichen Äußerung von Meinungen aller Denkrichtungen zulassen, so lange sie nicht mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt geraten, und das über die sozialen Medien und Webseiten wie dieser hinaus. Das zu sichern hätte der Verfassungsschutz in den vergangenen Jahren in Deutschland genug zu tun gehabt.

 

Fußnoten

/1/ Die Deutschen hätten ja auch angefangen. Dazu habe in „Ich bin ein Mensch“ das Wichtigste gesagt. Und es gilt immer die Verhältnismäßigkeit zu beachten. Die Flächenbombardements von Hamburg und Dresden seien eine Antwort auf Coventry gewesen. Insgesamt kamen bei mehreren Angriffen auf Coventry von 1940 bis 1942 etwa 1200 Menschen ums Leben. Man kann das nicht aufrechnen, trotzdem geht es immer um Verhältnismäßigkeit, um die Gleichwertigkeit von Leben, egal ob die Opfer einer führenden Nation angehören, die sich eine Attacke auf ihre eigenen Bürger auf gar keinen Fall gefallen lassen wird, oder ob es sich „bloß“ um andere Menschen handelt wie zum Beispiel die Afrikaner, die jetzt in Nigeria von islamistischen Milizen ermordet wurden.

2 Kommentare zu “Enttäuschung macht sich breit”

  1. Marlen sagt:

    Lieber Karl, damit die Enttäuschung sich nicht bei dir breitmacht und dazu führt, dein kritisches Denken nicht mehr in kluge Beiträge zu verwandeln, möchte ich dir für das neue Jahr neben Gesundheit und Wohlergehen auch weiterhin Optimismus, Kreativität und die nötige Gelassenheit wünschen, damit du deine Vorhaben auch weiterhin umsetzen kannst. Wer schreibt, der bleibt…

    Du bleibst dir dabei selbst treu, und deine interessierten Leser, zu denen ich mich auch zähle, bleiben es ganz sicher auch. Wer manches ganz anders oder überspitzt sieht, hat jederzeit die Möglichkeit sich zu äußern, auch mit einer konträren Meinung. Das würde ganz sicher nicht nur dir gefallen, sondern die Diskussion zu gesellschaftspolitischen, philosophischen oder pädagogischen Themen anfachen. Damit könnte der eine oder andere deutsche Michel mal aus seiner Komfortzone herauskommen und endlich einsehen, dass es so, wie es momentan noch ist, nicht mehr lange sein wird.

    Momentan wirkt wohl noch die Schwerkraft, so dass wir noch eine Weile vom Eingemachten relativ gut leben können. Aber eben nicht mehr lange, manchen Gesellschaftsschichten steht das Wasser schon jetzt bis zum Hals… Es gibt viel zu tun, packen wir es an, aber gut überlegt und mit klugen Leuten an der Spitze! Gehen wir trotz allem mit viel Optimismus in ein neues langes Jahr, 2024 ist bekanntlich ein Schaltjahr:

    „Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist, neu, unberührt, voll nie dagewesener Dinge, voll nie dagewesener Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch, Zumutung, und wollen sehen, dass wirs nehmen lernen, ohne allzuviel fallen zu lassen von dem, was es zu geben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen.“ (Rilke)

    In diesem Sinne wünsche ich ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr! 🥂 Marlen

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