„Germany is united by Football“

So steht es auf dem Bus der deutschen (?) Fußball-Nationalmannschaft. Bloß meine Oma Frieda versteht das nicht, sie stammt nämlich aus Ostpreußen. (Sie ist aber schon tot, so gesehen, zum Glück.) Hauptsache, die vielen jungen Männer, die zu uns (ge)kommen (sind), verstehen das. Oder?

Ostpreußen ist das Land, das „der Westen“, zu dem ja nun unbedingt auch Deutschland gehören möchte (koste es es, was es wolle), 1945 Stalin geschenkt hat, damit seine Nachfolger ein paar Jahrzehnte später besser „Europa“ von Königsberg aus angreifen können.

Deutschland hat damit – durch diesen Gebietsverlust – auch einen guten Grund mehr, die Verteidigung des „freien Westens“ gegen den russischen Aggressor zu finanzieren. So konnte und kann Deutschland auf doppelte Weise als Konkurrent geschwächt werden.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war wie das ganze Land: Lauter Individualisten, die was können, aber nichts oder wenig hält sie zusammen. Wie zeigt sich das? Zum Beispiel so: Beim Erklingen der Hymne des Landes, für das die Mannschaft spielt, kneifen einige der Sportler den Mund zusammen und singen nicht mit.

So war es. Wird es immer noch so sein oder gibt es jetzt etwas, das die einzelnen Individuen zusammenhält, einen Mannschaftsgeist, der aber unbedingt „Spirit“ heißen muss? Angeblich sei es jetzt anders, nun würde es ein Gemeinschaftsgefühl geben.

Der Spruch auf dem Bus lässt mich daran zweifeln. Viele Alte hier in und aus Deutschland werden damit ausgegrenzt und diskriminiert, sie werden gerade nicht „united“. Sonst ist diese Gesellschaft doch hypersensibel gegen jede Form der Diskriminierung. Warum gilt das bei den Alten nicht? Weil ihre einzige Leistung bloß war, Deutschland nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgebaut und damit die Grundlagen geschaffen zu haben für alles, was heute in Deutschland (noch) funktioniert, vielleicht und hoffentlich auch diese „Heim-Europameisterschaft?“ (Ein Wunder, dass sie so heißt bei all den vielen „Homeoffices“ und „Homeschoolings“.)

Außerdem, das stimmt ja gar nicht: Inzwischen wissen wir ja, dass besonders die türkischen Gastarbeiter, deren Zahl nach Mitte der 60er Jahre ansteigt, Deutschland wieder aufgebaut haben. Das deutsche „Wirtschaftswunder“, das es erst möglich gemacht hat, Gastarbeiter anzuwerben, war allerdings schon in den fünfziger Jahren in Gang gekommen durch die Arbeit der Alten bzw. ihrer Eltern, die heute in Deutschland sprachlich diskriminiert werden.

Die deutsche Gesellschaft fragmentiert sich in unterschiedliche sprachliche Kulturen. Das die nationale Einheit Schaffende soll in Deutsch-Land offensichtlich nicht mehr die deutsche Sprache sein, sondern wird zunehmend die englische. In immer mehr Betrieben deutscher Firmen in Deutschland wird sie zur Arbeitssprache (Siemens ist da ein Vorreiter /1/), und die Menschen in Deutschland werden durch die Heim-Europameisterschaft nicht „vereint“, sondern „united“.

Ich frage mich, ob das in den anderen großen europäischen Nationen – Frankreich, Spanien, Italien – auch so ist. Ich glaube, nicht.

Wie geht es diesbezüglich weiter? Wenn Englisch in Deutschland immer mehr zur Arbeitssprache wird, werden die hinführenden Ausbildungen an den Universitäten und Berufsschulen praktischerweise auch immer mehr auf Englisch erfolgen und damit das wieder klappt, wird in den Schulen dann auch zunehmend gleich auf Englisch unterrichtet werden müssen. Und dann aber bitte auch im Kindergarten.

Die Deutschen sind scharf darauf, immer mehr die Sprache Trumps und des Landes, das sich aus der EU verabschiedet hat, zu sprechen.

Deutschland – der Hauptträger der deutschen Sprache in Europa (insgesamt ca. 110 Millionen Muttersprachler/2/; Französisch: ca. 72 Millionen) und Hauptfinanzier der EU – schafft sich ab, zumindest schon mal das, was früher den Kern seiner Identität ausgemacht hat: die deutsche Sprache. Wird ein zukünftiges Englisch-Land immer noch so gut die EU finanzieren, wie das Deutsch-Land bisher tut?

Ein Beweis, zumindest ein weiterer Hinweis für die kulturelle Selbstauflösung Deutschlands: Jetzt auf der Friedenskonferenz in der Schweiz sprechen die Schweizer Präsidentin Deutsch, der französische Präsident Französisch, die italienische Ministerpräsidentin Italienisch. Und der deutsche Bundeskanzler? Natürlich Englisch. Das ist kein gutes Zeichen für die kulturelle Diversität in Europa von der deutschen Seite aus, sondern für eine (sprachliche) Monokultur in der EU.

 

Fußnoten

/1/ Werner von Siemens würde sich im Grab umdrehen, vermute ich, wenn er wüsste, dass die heutigen Siemens-Chefs seinen „Erfindergeist“ gegen „Ingenuity for life“ ausgetauscht haben. Ihnen ist das Deutsche nicht mehr gut genug, dabei könnte so ein einzelnes Wort („Erfindergeist“) genauso zum Markenzeichen werden wie „Lufthansa“, das zum Glück noch nicht gegen einen Anglizismus ausgetauscht wurde und bestimmt auch nicht wird: Es hat sich zu sehr etabliert. Genauso hätte es dem „Erfindergeist“ gehen können, wenn die Siemensleute ein Funken Nationalbewusstsein hätten. Haben sie offensichtlich nicht. Ich hoffe, nicht der deutsche Steuerzahler muss Siemens unterstützen – ich hatte es schon einmal geschrieben – , wenn sie in Schwierigkeiten geraten, sondern englischsprachige tun das dann.

/2/ Ich habe schon mehrere Male darauf hingewiesen: Deutsch ist abgesehen davon – zumindest eine weitere – Amtssprache in sechs europäischen Ländern: Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Belgien. Außerdem ist es eine bedeutende europäische Regionalsprache, zum Beispiel in Italien (Südtirol) und Dänemark. Deswegen ist es ja auch so naheliegend, dass die EU-Institutionen nur englisch- und französischsprachige Aufschriften tragen und die „12 Punkte“ beim europäischen Musikfestival nicht auf Deutsch angesagt werden. Unsere Regierung fand das schon immer in Ordnung so, obwohl sie die EU maßgeblich auch noch finanziert. Daran können wir sehen, wie sie in „Europa“ die Interessen ihrer eigenen Bürger vertritt.

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