Am vergangenen Freitag (20.02.26) staunte ich nicht schlecht, als ich in meinem Konsum in Leipzig im Zeitungsstand eine neue Zeitung, die „Ostdeutsche Allgemeine“, liegen sah. Dieser Titel ist in altdeutscher Schrift ausgeführt.
Da ich langsam bin und meiner Zeit nicht so schnell hinterherkomme, generell, habe ich erst einmal gedacht, dies ist eine Zeitung für die Gebiete, die damals, Ende der Vierziger Jahre, kurz vor meiner Geburt, als meine Eltern in der Blüte ihres Lebens standen – für mich also gar nicht so lange her -, zum Osten Deutschlands gehörten, allerdings nach der totalen Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg nun an Polen und die Sowjetunion gefallen waren.
Und es ist ja auch so, dass „Südtirol“ immer noch so heißt, obwohl damit nicht der südliche Teil des neuen gestutzten Tirols gemeint ist, das immer noch zu Österreich gehört, sondern der Süden des ursprünglich ganzen Tirols, wie es bis 1918 als Teil Österreich-Ungarns existierte. Heute ist das italienisches Staatsgebiet, in dem Südtirol seit 1972 eine autonome Provinz ist mit weitgehenden Selbstverwaltungsrechten.
Bei den ersten Bundestagswahlen in der 1949 neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland forderten (fast) alle Parteien, auch linke wie die SPD noch „Das ganze Deutschland soll es sein!“ Wahlplakate zeigten dabei Deutschland in den Grenzen von 1937.
Jetzt wird nicht einmal mehr davon geredet, geschweige denn, etwas gefordert. Es ist wie in einer Familie, die die Kinder totschweigt, die ihr mit Gewalt „entnommen“ wurden. „Schlesien“ – das war doch schon immer ein polnisches „Kind“ oder Ostpreußen mit seinem Kaliningrad/Königsberg ein russisches. So geht Verdrängung.
Über ein verlorenes „Kind“ der deutschen Familie, Ostpreußen, darf ich mich aber ja sogar heute noch im demokratischsten aller Deutschlands aufregen. Wenn es gegen den Russen geht, bin ich im Einklang mit der etablierten Meinung.
Schlesien, Pommern oder Ostbrandenburg gehen gar nicht – die sind ein für alle Mal „verspielt“.
Gnade einer Familie Gott, die so mit ihren gewalttätig entführten Kindern umgeht. Um es gleich ganz eindeutig zu sagen: Ich würde niemals dafür plädieren, so weit zu gehen wie die arme verzweifelte Frau Block, die offensichtlich ihre Kinder, die ihr vom geschiedenen Vater rechtswidrig vorenthalten wurden, mit Gewalt wieder zurückholen wollte.
Aber ich trete für ein „gemeinsames Sorgerecht“ für Gebiete ein, die im Laufe der Geschichte von unterschiedlichen Nationen geprägt wurden. Im Interesse der „Kinder“, also dieser Gebiete, würde ich der deutschen Regierung empfehlen, das „Aufenthaltsbestimmungsrecht“ der Staaten, zu denen sie jetzt gehören, zu akzeptieren.
Deutschland ist immer noch die mit Abstand stärkste Wirtschaftsmacht Europas und die Nr. 3 in der Welt. Von dieser Wirtschaftskraft könnten auch die „entnommenen“ Kinder der deutschen Nation profitieren und damit auch ihre neuen, jetzigen Familien bzw. Nationen.
Man kann nicht allen zugleich und gleichermaßen helfen. Es gehört zum Logischsten in der Welt, dass sich Eltern zuerst um ihren eigenen „leiblichen“ Nachwuchs kümmern.
Wie sähe das in Bezug auf Ostpreußen und Russland aus?
Ostpreußen mit der Hauptstadt Königsberg/Kaliningrad ist das Land, das die beiden größten europäischen Nationen Russland und Deutschland zusammenführen kann.
Der Westen unter Führung der USA hatte 1945 nichts Besseres zu tun, als Ostpreußen Stalin zuzuschanzen. Offenbar haben amerikanische Präsidenten schon immer geglaubt, über Länder verfügen zu können, die ihnen nicht gehören. Damit haben die Westalliierten der Sowjetunion bzw. Russland die vollständige Kontrolle über die Ostsee erlaubt. Aus heutiger Sicht war das damals nicht vorausschauend und klug vom freien und „demokratischen“ Westen.
Und Deutschland, das beraubt wurde, muss zu großen Anteilen die Zeche zahlen, die steigenden Aufwendungen, die nötig sind, um den russischen Aggressor mit dem zusätzlich an der Ostsee vom Westen geschenkten Brückenkopf in Schach zu halten. Wer den Schaden hat, braucht für den zusätzlichen Nachteil nicht zu sorgen. So ähnlich müsste ein geflügeltes Wort der deutschen Sprache abgewandelt werden, um dieses Dilemma zu beschreiben.
Wenn Putin schon angeblich so schlimm ist, glaubt der „gute Westen“ dann wirklich, dass Stalin damals besser war? Wenn das „böse Russland“ heute einfach andere Länder überfällt und annektieren will, glaubt der Westen dann wirklich, dass sich Stalin damals dauerhaft an den Nichtangriffspakt mit Deutschland halten wollte? Hitler war ihm offenkundig „nur“ zuvorgekommen und dafür hatte es in den Augen des demokratischen Westens als Strafe die Abtretung Ostpreußens an die Sowjetunion/Russland verdient?
Und jetzt soll Deutschland solidarisch an der Seite dieses Westens stehen, der es damals verraten hat und der selbst andere Länder annektiert und nach weiteren ganz aktuell greift? Nein! Da fällt mir doch was viel Besseres ein.
Ostpreußen soll das Gemeinsame sein, das Russland und Deutschland verbindet. Wir richten dort eine Sonderwirtschaftszone ein, so wie das die Briten und China mit Hongkong taten. Nur noch die Menschen dürfen dort einen festen Wohnsitz haben, die sowohl Russisch wie Deutsch gut beherrschen bzw. zumindest auf dem Weg dazu sind. Nichts mit Englisch. Deutsch und Russisch sind angesagt.
Wer weiter dort leben will, muss innerhalb von 10 Jahren nachweisen, dass er beide Sprachen gut „kann“, es sei denn, er ist schon Rentner. Befindet er sich 5 oder weniger Jahre vor dem Renteneintritt, muss er wenigstens eine der beiden Sprachen beherrschen und Grundkenntnisse in der anderen haben.
Das gibt einen Auftrieb für die mit westlicher Arroganz an den Rand gedrängten Sprachen und Kulturen der beiden größten Nationen Europas. Die Goethe-Institute und die entsprechenden auf russischer Seite werden sich vor Anfragen nicht retten können.
Die genannte Sprach-Arroganz, nach „Herrenmenschen-Art“ bin ich fast versucht, zu sagen, geht ja sogar so weit, dass auf einem deutschen Filmfestival von offizieller und von prominenter Seite nur Englisch gesprochen wird. Die Gäste kommen nach Berlin, um dort nur die Sprache zu sprechen, die aus New York oder London stammt. Sie sind gekommen, um kulturell-sprachlich gleich wieder zu gehen. Dann hätten sie ja gleich dort bleiben bzw. hingehen können und sollen, wo sie – zumindest mental – herkommen.
Die „dummen“ deutschen einfachen Leute, die vielleicht nur eine achtklassige Schule besucht haben oder die POS in der DDR, in der es Englisch in der 7. und 8. Klasse nur für die Schüler gab, die auf die EOS (das DDR-Gymnasium) gehen wollten – und das waren höchstens 15 Prozent eines Jahrgangs -, denken doch vielleicht wirklich, dass in einem Festival-Kino in Deutsch-Land die deutsche Muttersprache reichen müsste, um daran in der eigenen Hauptstadt teilhaben zu können. Sie haben sich in diesem besten Deutschland aller Zeiten geirrt, aber schwer. In ihm geht es nicht um das gewöhnliche, „niedere“ Volk, es geht um die illustre Oberklasse einer Weltkultur. Millionäre brauchen in der Tat kein Vaterland – sie fühlen sich überall gleichermaßen zu Hause.
Die Russen, glaube ich, sind nicht so arrogant. Ich habe in den Jahrzehnten, die ich in der DDR gelebt habe, niemals eine solch maßlose Russifizierung erlebt, wie es die Anglifizierung in der BRD war und ist. Sicher, Englisch ist die größte und umfassendste Weltsprache, aber die Lust, sich ihr vorauseilend noch etwas mehr, als es nötig wäre, zu unterwerfen, habe ich nur in meinem neuen Deutschland erlebt.
Nach der deutschen Großmannssucht kam die deutsche Kleinmannssucht. Die eine ist so pathologisch wie die andere. Es sind Zwillinge, die sich auf der Wippe des Unselbstbewusstseins gegenseitig brauchen, um „Spaß zu haben“. Dabei könnte und sollte die Nation in der Mitte Europas, die die EU maßgeblich finanziert und die mit Österreich, der Schweiz, Südtirol und anderen Gebieten fast doppelt so viele Muttersprachler hat wie die zweitgrößte – französische – Sprachgruppe in der EU selbstbewusst sein. Dazu kommt: Deutsch ist in vier EU-Ländern Amtssprache, zumindest eine davon, mit der Schweiz sind es fünf; Deutsch als offizielle Regionalsprache zum Beispiel in Südtirol habe ich jetzt gar nicht mitgerechnet.
Und die offiziellen Repräsentanten und Prominenten Deutsch-Lands sprechen auf dem Filmfestival in Berlin nur Englisch. So tief bezüglich der Missachtung der eigenen Kultur und Sprache muss man erst einmal sinken können. Ich glaube, wenn wir die darüber genannten Relationen beachten, macht uns das so schnell keine andere Nation nach.
Eine Erklärung ist, dass die Deutschen im besonderen Maße Streber sind, verspießerte Streber. Das gehört zu ihrem Nationalcharakter, und das ist ja auch ein Grund, warum wir wirtschaftlich so erfolgreich sind bzw. waren. Sie wollen zeigen, was sie alles können. Sie schnipsen aufgeregt mit ihren Fingern: Ich weiß was, ich kann was! Ich kann Englisch!
Kommen wir auf Ostpreußen als binationales Wirtschafts- und Kulturgebiet zurück: Es könnte ein Gegenentwurf zu dieser Kultur der West-Etablierten sein, ein großer Wurf für beide Nationen, für Deutschland und Russland. Er kommt von einem Denken, das die Enge der gewohnten Kreise (der üblichen „Kiste“) durchbricht. Er/es wird sowohl Deutschland als auch Russland kraftvolle Impulse ihrer Weiterentwicklung geben.
Eine solche Vision könnte auch für Putin ein Grund sein, die Kränkung zu verschmerzen, dass sich ein Bruderland, das über die Jahrhunderte eng mit Russland verbunden war, die Ukraine, einfach in den Westen verabschieden will. Man stelle sich nur einmal vor, Österreich würde als freies Land, das es ja ist, einfach verkünden, es wolle in Zukunft zum russischen Wirtschaftsgebiet gehören. Da würden, glaube ich, die EU und die Nato Kopfstehen. Oder etwa gar Deutschland selbst. Dann erst, da wäre was los! Da könnten die Deutschen noch so sehr betonen, dass sie ein freies Land sind, das selbst entscheidet, welchem Bündnis es angehören will.
Deutschland ist das einzige EU-Mitgliedsland ohne das die EU obsolet wäre, finanziell bankrott. Obwohl das so ist, obwohl die Deutschen hier eindeutig am langen Hebel sitzen, wollen sie – besser: die Regierungen, die sie bisher gewählt haben – ihn „ums Verrecken“ nicht nutzen, um eine sprachliche Gleichberechtigung mit Französisch in der EU durchzusetzen. (Englisch spielt eine Sonderrolle, es ist in der EU nur durch das kleine Malta vertreten, aber es ist die anerkannte größte internationale Verkehrssprache.) Sicher alle Sprachen in der EU sind pro Forma „Amtssprachen“, aber an allen Gebäuden und den Wänden großer Säle prangen nur englisch- und französischsprachige Inschriften. Die Sprache des bevölkerungsreichsten Mitglieds und des mit Abstand größten Nettozahlers (doppelt so viel wie Frankreich) hat sich im Hintergrund zu halten.
Warum sollte das auch anders sein? Die Deutschen glauben ja so schon, dass die EU auch für sie selbst das Beste wäre. Sie sind jetzt schon nicht nur für den zollfreien Binnenmarkt in Europa, sondern auch für seinen politischen Überbau, die EU. Warum ihnen dann das geben, was sie gar nicht fordern. Sie sind ja so genügsam und pflegeleicht im Gegensatz zu den anderen EU-Mitgliedsstaaten. Ihre Regierung hat ihnen mit Erfolg eingetrichtert, dass sie selbst am meisten von der EU profitieren würden und mit Erfolg dabei den Unterschied zwischen der EU, in der Deutschland für viele Länder zahlt, Polen vorneweg, und einem zollfreien Binnenmarkt verwischt, von dem alle, auch Deutschland – Skandal! – profitieren.
Das halten unsere Eliten für normal und richtig und ihre Wähler offenbar auch. Ich hoffe, nicht mehr lange.
Giorgia Meloni macht vor, wie es gehen kann: Seitdem sie Ministerpräsidentin ist, gibt es keine internationale Konferenz in Italien, wo neben dem Englischen das Italienische nicht genauso prominent erscheint. Rechte Politiker sind wohl offenbar in der Tat volksverbunden („völkisch“?), zuerst mit ihrem eigenen. In Deutschland beobachte ich die umgedrehte Entwicklung: Bei der vorletzten Münchener Sicherheitskonferenz, zum Beispiel, war dieser Titel noch in Englisch und Deutsch zu lesen, bei der letzten nur noch in Englisch. Offenbar wurden die Amtsträger, die das entschieden haben, nicht von Bayern und Deutschen gewählt, sondern von der internationalen Weltgemeinschaft oder doch von einem bestimmten englischsprachigen Land, vielleicht den USA? Oder ist Trump der Grund für diese immer stärkere Konzentration Deutschlands auf das Englische? Wer weiß, verworren und geheimnisvoll sind die Wege des Herrn.
