Und davor, sozusagen in der Null- oder Präambel-Ebene, kommt das Wohlwollen und der Optimismus. Das ist das Geheimnis jeder gelingenden Be- und Erziehung – auf jeden Fall auf zwischenmenschlicher Ebene, wahrscheinlich auch auf zwischenstaatlicher.
Als Rentner leite ich ab und zu noch Seminare mit jungen Erwachsenen. Ich habe auch Erfahrungen in der Schulpraxis, die nun allerdings schon über ein Jahrzehnt her sind. In den Seminaren mit den jungen Erwachsenen, höchstens zehn, war ich immer zufrieden, was das für ein schönes Arbeiten ist, wenn die Ordnung gesichert ist.
Ich kann meine Gedanken in Ruhe ausführen, genauso wie die Teilnehmer. Ich werde dabei kreativ, wie das immer nur dann möglich ist, wenn ein Sprechender keine Angst haben muss, unterbrochen und missachtet zu werden. Erst die Sicherheit ermöglicht Freiheit, auch gedankliche, die Freude am äußerlichen – sprachlichen – Entfalten der eigenen Ideen.
Wunderbar, dieses Zugewandtsein, diese freundliche Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung, des für Möglich-Haltens, dass der Andere noch etwas Interessantes sagen wird und kann und der Geduld, darauf warten zu können, die sensiblen Gemütern wie mir erst den Raum gibt, dass sich Gedanken bilden, dass sie sich verbinden und dabei wachsen können.
Das ist reines Wunschdenken, wenn das Feinsinnige nicht mit der Macht verbunden ist, eine solche Ordnung der freundlichen Geduld auch durchzusetzen. Wer beleidigt und stört, wird – erst freundlich und dann streng – ermahnt. Kriegt er sich dann immer noch nicht ein, fliegt er raus – so einfach könnte und müsste das sein.
In der Schule geht das nicht – genauer: in der modernen Schule des heutigen Westens -, weil dort immer individuelle Gründe gesucht und gefunden werden, warum einzelne Schüler, die nicht selten allerdings in der Mehrzahl sind, so handeln und so handeln müssen. Das ist tragisch, weil diesen a) dadurch der nötige „natürliche“ Zug oder Sog des Lebens genommen wird, sich korrigieren zu müssen (warum sollte ich das, wenn ich medizinisch-psychologisch anerkannte Gründe für mein Veralten habe?) und weil b) die aufmerksamen Mitschüler dann am Lernen gehindert werden. Auch hier also steht in der West-Gesellschaft der Täterschutz weit über dem Opferschutz.
Das habe ich alles schon gewusst, sie war tief in mir eingeprägt, diese Hilflosigkeit gegenüber rücksichtslosen Egomanen, die Gespräche bzw. den Unterricht stören und alle am Erkennen und Lernen hindern. Es sind nicht primär mehr oder weniger komplizierte didaktische Fehlleistungen, die die Effektivität des Unterrichts mindern, sondern es ist diese Rücksichtslosigkeit und Unaufmerksamkeit, diese generelle Unerzogenheit, die in deutschen Schulen seit Jahrzehnten zugenommen hat und ebenso lange hingenommen wird.
Schon vor Jahren stellte der Schulpsychologe Gustav Keller fest, dass der störungsbedingte Ausfall an den Schulen etwa 35 Prozent der Unterrichtszeit beträgt. Wie viel wird das heute sein? Damals waren es schon ca. 15 Minuten pro Unterrichtsstunde. Gustav Keller rechnet vor, dass jede Unterrichtsstunde den deutschen Staat ca. 75 Euro kostet. Da kommen, hochgerechnet auf alle Unterrichtsstunden, knapp 17 Milliarden Euro zusammen; sie gehen verloren, nur weil den Kindern und Jugendlichen von Seiten der Erwachsenen rigoros ihre gute Erziehung verweigert wird. Und das betrifft nur die Verluste, die durch die Störung des Unterrichts entstehen, nicht die oft noch viel schlimmeren Schäden an Leib und Leben, die durch unkontrollierte Triebimpulse, Unerzogenheit, die zu Jugendgewalt führt, entstehen.
Auch den angeblich psychisch beeinträchtigten Störern könnte man am besten helfen, wenn dieses Verhalten rigoros geahndet werden würde, sofort wenn es auftritt. Das wäre mal eine wirksame „Verhaltenstherapie“ im besten Sinne des Wortes: wer nach der freundlichen und dann strengen Ermahnung weiter stört, „fliegt“ raus. Er kommt in einen „Besinnungsraum“, in dem ein dafür spezialisierter Pädagoge bereitsteht, oder er muss von seinen Eltern abgeholt werden. Das hat dann Vorrang vor allem anderen, wie wenn ein Kind in der Schule akut erkrankt ist oder sich schwer verletzt hat. Dann müssten auch einmal die Eltern den Preis dafür bezahlen – eine schrittweise Reduzierung des Kindergeldes kommt hinzu, wenn sich die Eltern nicht ehrlich bemühen – , dass sie sich seit Jahren geweigert haben, ihr Kind zu erziehen – sie könnten dieses Problem nicht beständig weiter auf die Gesellschaft und die Schule abwälzen.
Das wäre zu einfach. So leicht ginge das nicht. Doch! Wenn die Verantwortlichen es nur wollten, wenn nur der gesellschaftliche Wille da wäre, das endlich anzupacken. Aber so läuft das hier nicht, noch ist die Erziehungs- und Bildungskatastrophe in Deutschland nicht groß genug. Noch können sich sogenannte „Experten“ mit pastoraler Schwülstigkeit wichtig tun: die Würde verhaltensorigineller (= gewalttätiger) Kinder sei unantastbar. Die Kinder, die durch sie verletzt wurden, und ihre Eltern sollen nicht so einen Aufstand machen, sondern sich über die regenbogenhafte „Buntheit“ der Verletzungen, von rot, blau über grün bis hin zu gelb, freuen. Und die verantwortlichen Politiker, die tatsächliche Veränderungen nicht riskieren wollen, weil sie sich dabei die Finger verbrennen könnten, verstecken sich hinter solchen Verständnis barmenden Experten (nicht ungerecht werden, Karl, sie können auch konsequent sein, bei den Opfern ist ihr Verständnis nämlich aufgebraucht).
Der deutsche Staat ist ein schwacher, er befindet sich in der Spätdekadenz und schafft damit die Voraussetzungen für seinen Untergang. Er macht es noch jedem Einzelnen Recht, wenn es sich nicht gerade um einen „stinknormalen“ Bürger handelt, der nicht aggressiv ist und sich prinzipiell an die geltenden Gesetze und Regeln halten will. Ansonsten. wenn einer nur laut, auffällig und aggressiv genug ist, sind ihm keine Sonderwünsche zu viel, egal, wie absurd sie sind, Hauptsache, sie sind individuell. Das spornt seinen Ehrgeiz an und den seiner Beamten: Das Normale kann ja jeder leisten, aber erst wenn’s knifflig ist, wird’s interessant. Wer weiß, welche neue, ganz besondere psychische Störung, geheimnisvoll und bisher unerkannt, dahinter steckt? Da kann sich auch der Beamte vom Jugendamt selbst erst so richtig als „Experte“ er- und beweisen.
Ich habe am 23.11.25 in der Abendschau auf WDR kurz vor der Tagesschau einen Bericht über eine Förderschule gesehen. Schulleiterin und Lehrer gehen mit einem Märtyrergesicht durch die Schule – was sind wir für Helden!? Was ertragen wir nicht alles für unsere „Kiddies“!? Und sie erzählen davon, dass nicht wenige Kinder in die Schule kommen, ohne gefrühstückt zu haben.
Die große Welt – in diesem Fall die der Schule – passt sich prompt diesen individuellen Besonderheiten an und statt Unterricht gibt es in der ersten Stunde erst einmal ein Frühstück für diese „Kiddies“. (Wahrscheinlich haben die Lehrer in der Nacht Pfandflaschen aus Papierkörben gesammelt, damit sie das bezahlen können.)
Für andere Schüler, die noch zu müde sind, weil sie die ganze Nacht „durchgezockt“ haben, gibt es erst einmal eine Schlafgelegenheit. Ich könnte mir auch vorstellen, dass für Kinder, die ihre Mütter nur vollverschleiert kennen, Lehrerinnen abgeordnet werden, die sich für diese Kinder schnell umziehen und ihnen nun so begegnen. Wir akzeptieren doch schließlich jedes Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen und holen es dort ab, wo es sich nun einmal befindet.
Wenn Eltern und Kinder sich weigern, Deutsch zu lernen, ist die Schlussfolgerung nach dieser Logik klar: Deutsche Lehrer haben zumindest Englisch zu können, am besten aber auch noch Türkisch und Arabisch. Der Bevölkerungssprachenaustausch schreitet in Deutschland voran, schon gibt es ganze Betriebe, zum Beispiel von Siemens, in denen die Werkssprache nicht die Landessprache ist, sondern Englisch.
Anstatt dass sich die Schule anpasst, könnten ja auch Eltern aufgefordert und unterstützt werden, dafür zu sorgen, dass sich ihre Kinder an die Regeln der Schule halten können. Ändert und bessert sich nichts, müsste das Kindergeld schrittweise reduziert werden. Das ist des Teufels, aber so ist das Leben. Erpressung überall. Ernähre ich mich nicht gesund, bewege ich mich zu wenig, werde ich krank. Passe ich nicht auf in einer engen Umgebung, stoße ich mich und tue mir weh, oder beim Überqueren der Straße, erleide ich einen Unfall. Das ist immer und überall so. Warum soll die Schule in Deutschland hier eine Ausnahme machen? Das schafft sie auf die Dauer auch gar nicht.
Ich bin es leid, das ewig aufzuschreiben. Ich habe die Lösung für unsere Bildungsprobleme und keinen interessiert es. Da steht schon alles ausführlich drin. Warum habe ich dann jetzt diesen Beitrag noch einmal geschrieben? Erinnern Sie sich an seinen Anfang? Ich war erstaunt, dass etwas, was immer geklappt hatte, plötzlich nicht mehr funktionierte. Ich war als Kursleiter, als der, der die Regeln vorgibt und ihre Einhaltung kontrolliert, diesbezüglich zu schlampig und faul geworden.
Ich war zu selbstsicher, habe nicht aufgepasst und nicht entschlossen und deutlich den Anfängen eines falschen Verhaltens gewehrt. Das hätte ich leicht machen können, aber ich war irgendwie zu faul, zu harmoniesüchtig. Lachen wir drüber, über die Frechheit, wir wollen uns nicht die schöne Stimmung im Kurs versauen lassen. Ich hätte von Anfang an die, die zwei, drei (von zehn), die durch Quatschen gestört hatten, bremsen müssen, so entschlossen und deutlich, wie ich das vom Staat verlange. Und ich hatte die Mittel, sie alle brauchten und wollten die Abschlussbescheinigung.
Aber wer wird denn gleich so böse werden? Sie haben doch bestimmt ihren individuellen Grund, warum sie quatschen. Also passe ich mich ihnen an und schon ist der Konflikt gelöst. Nein! Ich habe mir geschworen, im nächsten Seminar gleich von Anfang an Tacheles zu reden, damit es wieder so schön wird, wie es immer war und damit ich die Richtigkeit der Überschrift dieses Beitrags wenigstens für mich wieder neu bestätigen kann.
Packen wir’s an!
Karl, dein Beitrag zeigt eine interessante Verschiebung:
Du beschreibst pädagogische Herausforderungen, reagierst darauf aber mit kulturkämpferischen Bildern, die mehr mit Befürchtungen als mit der Realität zu tun haben.
Man kann über Schulpolitik streiten, aber nur, wenn man zwischen Problem und Projektion unterscheidet.
Du konstruierst ein Szenario, in dem Lernende primär als Störung erscheinen, Eltern als Defizitwesen und das System als moralisch verkommen.
Diese Perspektive ist verständlich, wenn man sich überlastet fühlt – aber sie eignet sich kaum für ernsthafte Reformvorschläge.
Das Menschenbild, das hinter deinem Text steht, ist auffällig:
Fehlverhalten wird mit Sanktion beantwortet,
Vielfalt wird als Bedrohung beschrieben,
individuelle Schwierigkeiten als „Anpassungsunwilligkeit“ gedeutet.
Das ist eine Form der Pädagogik, die vor allem Kontrolle betont –
aber die heutigen Probleme in Schule und Gesellschaft sind komplexer:
sozial, psychosozial, migrationsbedingt, digital überlagert, neurodivers.
Sie verlangen mehr als die Rückkehr zu Tacheles und Gehorsam.
Was deinen persönlichen Bezug angeht:
Du schreibst, dass du im Kurs „faul und harmoniesüchtig“ gewesen seist und das nun korrigieren möchtest.
Das ist dein gutes Recht – doch du machst daraus eine Allegorie auf Bildungspolitik.
Diese Übertragung funktioniert nicht:
Ein Kurs mit zehn Teilnehmenden ist nicht die Bundesrepublik.
Mein Eindruck ist:
Du reagierst auf Überforderung mit moralischer Eskalation – und verkaufst das als pädagogische Klarheit.
Sie ist jedoch eher eine Vereinfachung komplexer Sachverhalte.
Man kann streng sein, konsequent, klar – alles legitim.
Aber man kann nicht die gesellschaftliche Realität personalisieren und dann Sanktionen als Lösung verkaufen.
Das ist kein Reformansatz, sondern eine Erzählung.
Und genau deshalb geht der Text am Kern vorbei:
Nicht Anpassung ist das Problem, sondern der Verlust an Differenzierungsfähigkeit.
Schule braucht Haltung, nicht Härte – und vor allem Realitätssinn.
Gruß
Bernd Günther
Lieber Bernd,
Du bist auf den Höhen des westlichen Denkens angekommen. Ich bin es nicht. Es generiert sich als „wissenschaftlich“ vereinzelt, scheinbar genau sortiert. Das ist ein fundamentaler Unterschied zwischen uns. Über diese Unterschiede unserer Erkenntnisstile hatte ich schon geschrieben.
Ich denke deutlich spekulativer als Du, auch „utopischer“, wie du es nennst. Ich schaue über den Tellerrand auch nach „hinten“ in die Vergangenheit. Ich habe mich schon immer darüber amüsiert, wie Leute zu Buchmessen – noch besser: Fachbuchmessen – pilgern, um dort das Neueste vom Neuen zu erfahren. Ich wette, sie haben im Durchschnitt noch nicht einmal 1 Prozent dessen gelesen – im Sinne von es richtig verstanden zu haben -, was bereits seit Jahrzehnten gedruckt in ihrer eigenen Sprache vorliegt und was zu ihrem Fachgebiet gehört. Das gilt jedenfalls für eine so gewachsene Kultursprache wie Deutsch. In keine andere Sprache dieser Welt wurden und werden so viele fremdsprachige Texte übersetzt wie in Deutsch.
So ging es mir Mitte der 80-er Jahren auch in der DDR. Was in Deutschland und ganz „Europa“ heute die USA sind bzw. noch sind, war damals in der DDR die große Sowjetunion. Wer an einer DDR-Universität Professor werden wollte, musste ein halbes Jahr an einer sowjetischen Universität gewesen sein.
Ich wurde vorher noch ein halbes Jahr von allen Verpflichtungen freigestellt und hatte nichts Anderes zu tun, als Russisch zu lernen. Ich konnte ja auf viele Jahre Russischunterricht aufbauen, und ich war hochmotiviert, weil zu der Zeit Gorbatschow gerade an Geltung gewann. Ich habe Russisch trotzdem nicht in mein Hirn bekommen, weil ich nicht konsequent in diese Sprache eintauchen musste, sondern täglich nur zwei, drei Stunden unterrichtet wurde, mit Deutsch als Unterrichtssprache. Aber das jetzt nur nebenbei.
In Kiew angekommen, gab es in der Universitätsbücherei mehrere deutschsprachige Zeitschriften zum Fachgebiet pädagogische Psychologie. In der DDR war ich noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen. Die Sowjetunion benutzte die DDR als Trittbrett um Zugang zu internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen zu erhalten. Offizielle Wissenschaftssprachen des Weltverbandes für Psychologie waren damals nur Englisch, Französisch und Deutsch. Russisch gehörte nicht dazu.
Deswegen hätte ich alle wichtigen Erkenntnisse der sowjetischen Psychologie schon seit Jahren in der DDR auf Deutsch studieren können, wenn ich nicht zu faul dafür gewesen wäre bzw. mir nicht gesagt hätte, dass ich meine kostbare Zeit lieber für das vertiefende Studieren weniger tragender Texte investieren wollte als für das Anhäufen von noch mehr Halb- und Viertelwissen.
Im Ernst wurde von mir erwartet, dass ich die russische Literatur im Original lese, um so das Neueste vom Neuen zu erfahren. Das war zumindest auf meinem Fachgebiet der Allgemeinen Psychologie und Pädagogik lächerlich und dumm. Viel wichtiger war das vertiefende Durchdringen dessen, was sich über die Jahrzehnte in dieser Hinsicht in der sowjetischen Psychologie angesammelt hatte. So ähnlich ist es auch heute hier in Deutschland. Jetzt ist natürlich nicht mehr die Sowjetunion oder Russland angesagt, sondern noch sind es die USA. (Wir werden sehen, was passiert, wenn JD Vance, wie ich hoffe, der neue USA-Präsident wird.)
Du zum Beispiel hast an anderer Stelle eine englischsprachige Originalquelle angegeben, um etwas als neue Erkenntnis auszugeben, was seit vielen Jahrzehnten in der deutschsprachigen Literatur bekannt ist, nämlich der „Pygmalioneffekt“, dass sich Schüler im Sog der Erwartungen, sowohl positiver wie negativer, ihrer Lehrer und Eltern entwickeln: Trauen sie einem Schüler viel zu, wird er tatsächlich gut und umgedreht. Das gilt auch für das gesamte Lehr- und Lernklima in Schulen und/oder Familien.
Bereits Erkanntes noch einmal und genauer zu lesen ist eine qualitative Vertiefung, die weiter führt, als eine quantitative Verbreiterung das kann. So zu tun, als wenn neu Veröffentlichtes – Hauptsache nicht in der eigenen Sprache – auch tatsächlich neu ist, ohne wenigstens auf das bereits in der eigenen Sprache Bekannte hinzuweisen, kommt mir, entschuldige bitte, wichtigtuerisch und effekthascherisch vor.
In diesem Sinn vertritts du das westliche, faktenorentierte Denken des Zählbaren, während ich für Spekulationen eintrete, für den weiten Blick nach hinten und nach vorn. Dein Denken, dein wissenschaftliches, nicht dein pädagogisches, ist härter als meins. Ich denke weicher – und meine Pädagogik ist auch weich, hart und weich, je nachdem, was gerade angebracht ist. Ich denke nicht rein exakt (natur)wissenschaftlich, in dieser empirischen Genauigkeit bist du mir überlegen. Aber der große, weite, weiche Blick ist auch nötig.
Du steckst in der „Kiste“ des westlichen Gesellschaftssystems mit seinen typischen Vereinzelungen, auch denen des Denkens. Ich glaube, dass uns schon allein die wirtschaftliche Realität zeigt, dass es im Scheitern begriffen ist: China hängt uns immer weiter ab. Dann müssen wir uns gar nicht weiter aufregen. Die Realität wird zeigen, wer gewinnt, ein ganzheitliches, gemeinschaftsorientiertes und spirituelles östliches Denken oder ein scheinexaktes westliches, das auf immer mehr Vereinzelung auch im Menschlichen, also auf Individualisierung, setzt. Spannend ist es allemal.
Lieber Karl,
dein Weltbild hat zweifellos Charme:
Ich, der westliche Zahlengolem, streng empirisch vermessen;
du, der wandernde Geist zwischen Tao und Goethe, federleicht im Denken, weit wie die Steppe.
Aber ich fürchte, es ist weniger eine große Ost-West-Metaphysik,
sondern eher eine poetische Nebelmaschine:
sobald Argumente verlangt werden, wird’s spirituell.
Wenn ich „in der Kiste des Westens“ sitze,
dann immerhin mit überprüfbaren Daten, Entwicklungspsychologie und Pädagogik im Gepäck.
Dein „weiter, weicher Blick“ ist schön – aber er beginnt immer dort,
wo die Wirklichkeit unpraktisch wird.
Vielleicht liegt der Unterschied also gar nicht in Kulturen,
sondern schlicht darin, dass ich beschreiben möchte,
was Kinder brauchen –
und du, was dir plausibel vorkommt.
Und das ist völlig okay.
Nur mischen sollte man es nicht.
Lieber Bernd,
du kannst schreiben, und ich kann schreiben. Immerhin. Früher war das nicht eine deiner ausgesprochenen Stärken.
Zu unserer Diskussion jetzt ist mir nur noch Folgendes eingefallen: Ich habe aus ganz konkreten und aktuellen persönlichen Erfahrungen heraus beschrieben, wie sehr ich eine meiner Lebenshaupthypothesen bestätigt sehe: Vor der Freiheit kommt die Ordnung, die Sicherheit bringt. Und vor dem Individuum kommt die Gemeinschaft, zu der es gehört. Du ordnest mich daraufhin behende in allerlei Schubladen ein, sortierst und beurteilst mich nach deinen wissenschaftlich „genauen“ Kriterien. Das ist in Wirklichkeit eine Vereinfachung komplexer Sachverhalte.
Andererseits: Die Vereinfachung komplexer Sachverhalte, wenn sie zutreffend erfolgt, ist der Weg des wissenschaftlichen Denkens. Friedhart Klix hat es in seinem Buch „Erwachendes Denken“ anhand von Einsteins Relativitätstheorie nachgewiesen. (Aber das ist ja bloß auf Deutsch.) Ihren riesigen, komplexen Unterbau hat er auf eine einfache Formel reduziert. Das war seine große wissenschaftliche Leistung.
Das hattest du schon einmal verstanden. Aber mir geht es auch so. Ich kann mir auch nicht alles merken. Allerdings bewahre ich mir meine kritische Distanz zu real existierenden Gesellschaften, damals in der DDR so wie heute in der absterbenden EU. Du fällst lieber in die formalhaft und rituell „gesungenen“ Warnungen des real existierenden BRD-Kapitalismus vor den Gefahren der bösen „Vereinfacher“ ein. Jeder geht seinen Weg, Hauptsache, er bleibt austauschfähig.
Lieber Karl,
dein Satz, dass ich „früher nicht schreiben konnte“,
klingt wie der nostalgische Seufzer eines alten Lehrmeisters,
der verwundert feststellt,
dass ein Schüler die Werkstatt verlassen und draußen
ein eigenes Werkzeug gefunden hat.
Ich lächle darüber.
Nicht aus Milde, sondern weil es zeigt,
wie unterschiedlich wir inzwischen durch die Welt gehen.
Du wanderst gern als Gestaltwandler zwischen deinen Figuren,
schreibst mal aus dieser Perspektive, mal aus jener,
als würdest du die Rollen wechseln wie Mäntel im Wind.
Das ist literarisch durchaus reizvoll –
aber in einer Debatte wirkt es weniger wie Freiheit
und mehr wie Nebel.
Denn man kann viele Stimmen haben,
nur sollte man wissen,
welche davon gerade spricht.
Was deine großen Entwürfe angeht:
Du erhebst einen Kursraum zur Miniatur der Weltgeschichte,
wie ein Mann, der im eigenen Garten steht
und gleichzeitig über das Klima des Planeten urteilt.
Du malst mit großen, warmen Strichen,
sprichst vom Geist des Ostens,
von der Müdigkeit des Westens,
vom Verfall der Gegenwart
und der heilenden Strenge der Ordnung.
Das hat etwas Schönes, ja fast Pastorales,
doch es ist weniger eine Analyse
als eine Landschaft, die du selbst beleuchtest.
Ich bin da nüchterner, vielleicht auch unromantischer:
Ich sehe Kinder, nicht Symbole.
Situationen, nicht Allegorien.
Und ich glaube, dass Pädagogik
zuerst den Menschen anschaut
und nicht den Weltgeist.
Vielleicht ist das der ganze Unterschied zwischen uns:
Du erzählst die Welt wie ein wandernder Poet,
ich betrachte sie wie jemand,
der wissen möchte,
woraus sie eigentlich gemacht ist.
Und beides hat seinen Platz –
nur sollte man es nicht verwechseln.
Lieber Bernd,
bitte genau sein beim Zitieren: Ich hatte nicht geschrieben, dass du früher nicht schreiben konntest, sondern dass das nicht eine deiner ausgesprochenen Stärken war.
Du entdeckst etwas bei mir, etwas Pastorales, von dem ich glaube, dass ich dich dabei kaum einholen kann, geschweige denn überholen.
Nun gut: Alles hat seinen Platz und man sollte es auch mal wechseln, zumindest denkperspektivisch.
Manchmal, lieber Freund,
gehst du oben auf dem Grat
und hörst den Wind philosophieren.
Ich gehe unten im Schatten,
wo die Wurzeln aus dem Boden ragen
und einen an die Wirklichkeit erinnern.
Und wenn wir uns zurufen,
klingt es oft,
als würden zwei Berge miteinander reden –
dabei sind es bloß zwei Wanderer
mit unterschiedlicher Schuhgröße.