Brief an meine Enkel (4)

Jetzt und schließlich sind meine Enkeltöchter an der Reihe. Ich hätte diesen Brief auch nennen können: ES GIBT VORMUNDSCHAFTSPFLEGER UND VORURTEILSPFLEGER.

Wir alle sind gefährdet, so etwas zu sein, zumindest das Letztere; das ist typisch Mensch. So gibt es das Vorurteil über mich, dass ich mit Frauen nicht so „könne“.

Das ist Unsinn. Meine Seele ist, würde ich fast sagen, eher weiblich als männlich. Ich trinke lieber einen Sekt als einen Schnaps, tratsche lieber mit Frauen bei irgendwelchen Feiern – und der Klatsch interessiert mich wirklich – als Fußball oder einen anderen Sport zu gucken (es sei denn, einer meiner Enkel spielt mit).

Ich habe mich als Kind, Jugendlicher nie geschlagen (erst recht nicht als Erwachsener). Ich erledige das lieber hintergründig mit Worten, vielleicht auch mit anderen weiblichen „Zickereien“.

So war ich auch allen meinen Schwiegertöchtern sehr zugewandt. Aber wie das Leben so ist: Es kommt öfter etwas dazwischen (auch im direkten Sinne des Wortes). So war es zum Beispiel bei der einen: Sie wollte meine Lebensgefährtin und mich besuchen, weil sie beruflich in der Nähe zu tun hatte, und bei uns ein paar Tage bleiben.

Ich war darüber sehr erfreut, ehrlich, weil das wieder eine Gelegenheit ist zu tratschen, sich über Neuigkeiten und Gefühligkeiten auszutauschen. Ich habe aber eine Lebensgefährtin, die wie ich psychisch sehr stark und eigensinnig ist. Wir gerieten wieder einmal, gerade als die Schwiegertochter kommen wollte, in einen leidenschaftlichen Streit.

Zum Jubiläum unseres siebenjährigen Kennenlernens wollen wir eine Feier ausrichten unter dem Motto „Tausendmal berührt und nichts ist passiert“, das wir umwandeln zu „Tausendmal gestritten und oft gelitten und immer noch und besser sind wir zusammen“, jedenfalls ungefähr so.

Mein Sohn sagte: Na und, dann kommt sie eben nur zu deiner Lebensgefährtin in deren Haus. Das sagt der, der in seiner Ehe darauf achtet, dass kein Blatt Papier zwischen ihm und seiner Frau passt. Er legt höchsten Wert auf die volle eheliche Solidarität, will das seinem Vater aber nicht zubilligen.

Inzwischen denke ich zwar auch, sie hätte ruhig kommen sollen, wir hätten uns schon gemeinsam eingekriegt. Aber damals war ich Gefangener meiner Frustration.

Was jedenfalls übrig blieb, ist das Urteil: Er kann eben nicht mit Frauen. (Es gibt auch Menschen, die nicht mit Vätern können. Das scheint mir naheliegender.)

Ähnlich ist die Lage mit meinen Enkeltöchtern; sie sind nicht den -Söhnen nachgeordnet. Die Wahrheit ist: Ich hatte einfach viel weniger Gelegenheiten, zu ihnen eine Beziehung aufzubauen als zu meinen männlichen Enkeln.

Es ist der typische Fall einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Er interessiert sich angeblich nur für seine männlichen Vorfahren. Der einfache Grund, meine Faulheit den wechselnden Familiennamen der Vormütter nachzuspüren, wird nicht gesehen.

Durch diese ganzen Vorurteile bezüglich meiner angeblichen Feindlichkeit gegenüber dem Weiblichen gibt es tatsächlich weniger Kontakte zu den Enkel-Mädchen, was wieder als Bestätigung des Vorurteils gilt.

Das kann auch schon deswegen nicht stimmen, weil ich ja derjenige war, der arglos ins Haus seines Sohnes, zusammen mit der Schwiegertochter und deren Mutter, ziehen wollte. Ich habe das nicht vereitelt.

Dabei liegen sie mir alle am Herzen, die ruhige Älteste, die jetzt schon eigene Wege geht und die mir, ich glaube, als sie noch nicht zur Schule ging, mit Hilfe ihrer Mutter zum Geburtstag ein Familienbild schenkte, auf dem wir alle allegorisch mit unseren persönlichen Tierkosenamen aufgeführt waren und das bei mir immer noch an der Küchenwand hängt.

Ihre Schwester, die keck-sportliche, die mir mal eine zu Herzen gehende, besonders liebevolle Geburtstagskarte schrieb, die bei mir einen Ehrenplatz an der Wand mit den Familienfotos hat.

Und die Schwester von Arvid, die mir intensiv zugewandt war, als wir uns noch sehen konnten. Sie hat mir viele schöne Bilder gemalt, auch zu meinem letzten Geburtstag. Ich habe ihr dafür gedankt, indem ich ihr eine ausführliche Sprachnachricht mit vielen Rückfragen zum Bild an das WhatsApp-Konto ihrer Mutter schickte. Ihr Vater, mein Sohn, hatte mich da bereits auf WhatsApp blockiert.

Ich fürchte, sie hat diese Nachricht nie zu hören bekommen. Die Mutter schrieb: „So über die Bande funktioniert das nicht. Bitte halte dich an XXX.“ Der hatte mich aber blockiert und meine Erfahrung mit Telefonaten mit kleinen Kindern ist, dass sie auf Fragen gar nicht antworten. Viel besser ist, sie haben Zeit und können sich in Ruhe etwas anhören, ohne sofort antworten zu müssen.

Und dann ist da schließlich noch ein kleines Mädchen, das ich noch gar nicht kenne, die Schwester der beiden hier zuerst genannten Enkeltöchter. Was man nicht kennt, auf das kann man besser verzichten. Weil ich keine Aussicht sehe, sie kennenzulernen, bemühe ich mich erst gar nicht darum. So ist es leichter für uns beide. Vielleicht will sie, wenn sie 16 ist, ihren alten Großvater noch mal sehen. Es kann allerdings gut sein, dass ich dann schon nicht mehr lebe.

So ist es und so geht es dahin, dieses Leben.

Was will ich denn allen meinen Enkeln sagen, ihnen mit auf ihren Lebensweg geben? Ich hatte es schon vorangekündigt in dem Beitrag: Deutsch(en)schutz ist genauso wichtig wie Klimaschutz (für die Deutschen jedenfalls).

Also: Bitte hechelt auf den breiten Straßen, die ins Verderben führen, nicht dem hinterher, was in Eurer Zeit gerade angesagt ist. (Hier habe ich das passende Textstück dazu aus dem Matthäus-Evangelium zitiert.) Denkt selbst und seid skeptisch gegenüber dem Angesagten.

Keine Technik ist illegal

Bleibt nicht in den Mustern links-grünen Denkens gefangen. Bleibt offen gegenüber allen technischen Möglichkeiten, unsere Umwelt zu schützen. Die Kernkraft, auch die Kernspaltung, gehört dazu. Man muss sie nicht verteufeln, sondern weiterentwickeln, wie das in vielen Ländern der Welt schon geschieht. Wir – die Deutschen – waren einmal führend dabei. Aber Ideologie, besonders wenn sie sich so scheinfortschrittlich gibt wie in Deutschland, engt die Entwicklung des Denkens und der Welt, in der es stattfindet, immer mehr ein.

Das Gleiche gilt für Verbrennungsmotoren. Die insbesondere in Deutschland forcierte Technik des Rudolf Diesel ist inzwischen so weit entwickelt, dass sie die Umwelt weit weniger schädigt – teilweise kommt die Luft sauberer heraus, als sie eingesaugt wurde – als die Batterietechnologie, wenn man berücksichtigt, unter welchen Umständen die nötigen Rohstoffe für die Akkuherstellung gefördert werden.

Bleibt offen beim Denken unter allen Umständen und in jeder Beziehung. Haltet immer für möglich, dass der Andere doch und auch recht haben könnte (sogar dann, wenn es nur ein alter Großvater ist). Ich verfahre jedenfalls nach dieser Devise, deswegen bin ich nicht nur ein „rechter“ Denker, sondern auch ein „linker“.

Misstraut dem Etablierten, nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in politischer:

„Deutsch(en)schutz“ ist in Eurer heutigen Welt vollkommen unin. Gerade deswegen: Überlegt, ob ich nicht recht haben könnte. Es sterben nicht nur unwiederbringlich Pflanzen und Tierarten, es sterben auch unwiederbringlich Worte und Redewendungen, und zwar die eurer eigenen Muttersprache.

Die Politiker Eurer Zeit von links bis rechts interessiert das einen „Scheißdreck“ – Entschuldigung, es muss natürlich heißen: „einen Bullshit“. (Selbst „Scheiße!“ wird bald vergessen sein, wenn das so weiter geht, und einem „fuck!“ gewichen sein.) Vielleicht könnt Ihr Euch Eurer Sprache erbarmen, wenn es in Eurem Vaterland schon kein anderer tut. Denkt auch an die Vielen, die zu uns gekommen sind. Die Besten, Fleißigsten, Sympathischsten von ihnen haben Deutsch gelernt, obwohl das eine wirklich schwere Sprache ist.

Sollen sie das umsonst getan haben? Hätten sie lieber gleich Englisch lernen sollen wie viele von ihnen, die sich der Kultur und Sprache verweigern, in die sie aufgenommen wurden, und die aber trotzdem eine staatliche Vollversorgung vom deutschen Staat erwarten, den sie für kulturell und sprachlich minderwertig halten? Die Deutschen müssen sich ja selbst für minderwertig halten, wenn sie ihre eigene Sprache an ihren Universitäten und in immer mehr Betrieben diskriminieren.

Bitte, liebe Enkel, macht da nicht mit. Seid stolze und selbstbewusste Mitglieder der deutschen Nation. Nur so können wir mit den stolzen und selbstbewussten Mitgliedern anderer Nationen gut und freundschaftlich zusammenleben.

Wenn die eigene Familie keine stolze und selbstbewusste ist, werden sie immer Minderwertigkeitsgefühle im Zusammenleben mit anderen Familien beeinträchtigen. Nur wer stolz und selbstbewusst ist, kann großzügig sein. Das ist auch in der Schule so: Nur wenn Ihr in Eurer eigenen Klasse selbstbewusst zusammenhaltet, könnt Ihr gute Beziehungen zu anderen Klassen aufbauen.

Und nur so können die, die neu in Deutschland dazugekommen sind, ein ebenso positives und starkes Lebensgefühl gewinnen. Sie haben ein Anrecht darauf, dass ihnen ihre neue Heimat ein stolzes und zufriedenes Zuhause-Gefühl gibt und gönnt. („Ich bin Deutscher – wie gut das klingt! Das macht wirklich was her!“)

Tut sie das, können alle daneben auch gut und gern eine zweite und dritte Sprache pflegen, lernen und wertschätzen und ergänzende Bräuche auf der Grundlage einer deutschen „Leitkultur“ /1/.

 

Fußnote

/1/ Das ist wie in der Familie. Vertreten die Eltern nicht stolz ihre eigene Kultur, haben die Kinder keine Orientierung, und sie können in der Auseinandersetzung mit dieser Leitkultur nicht ihre eigene kreieren. Ich würde als Christ meine Kinder zum Beispiel nicht fragen, ob sie Lust haben, mit in den Gottesdienst zu kommen. Bis 14 haben sie das zu tun, ohne den Stress, sich immer selbst entscheiden zu müssen. Danach können sie dann langsam und Schritt für Schritt ihre eigene Weltanschauung kreieren, also entweder dem Glauben für die Zeit, die sie überschauen können, ganz entsagen oder einen anderen annehmen.

Ein Kommentar zu “Brief an meine Enkel (4)”

  1. Marlen sagt:

    Nun, da es heute um die Weiblichkeit geht, möchte ich auch gern meinen „Senf“ dazugeben. Es ist aus meiner Sicht durchaus kein Widerspruch, dass Du als Mann das Weibliche in dir trägst und trotzdem nicht besonders gut mit Frauen kannst. Ja, vielleicht gerade deshalb?

    Seit meiner Geburt habe ich das weibliche Geschlecht und will es auch, weil ich altmodisch bin, behalten. Und soll ich dir etwas verraten? Noch nie hatte ich eine sog. „beste“ Freundin, und in Frauengruppen fühle ich mich bei weitem nicht so wohl wie in gemischten.Auch im Haus möchte ich nicht mit einer Frau zusammen wohnen, obwohl das Leben dann wohl viel einfacher wäre.

    Ich vermute, gerade das totale Anderssein macht den Reiz zwischen den Geschlechtern aus. Natürlich führt das oft zu Missverständnissen bis hin zu Unverständnis und Auseinandersetzungen, so dass der eine oder andere manchmal verzweifelt behauptet, dass Männer und Frauen gar nicht zusammenpassen würden.

    Ich persönlich erlebe diese Achterbahn der Gefühle als etwas, das zum Leben dazugehört.
    Wer möchte denn jeden Tag nur Friede, Freude, Eierkuchen? Da gäbe es ja gar keine Versöhnung, und die ist ja das Schönste nach einer Reiberei, die ja auch viel Wärme erzeugt. Sogar der alte Frauenkenner Goethe meinte einmal: „Wenn sich Eheleute niemals streiten, erfahren sie doch gar nichts voneinander.“

    Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass die sehr männlichen Männer besonders schwierig zu „händeln“ sind, da sie von ihrer Männlichkeit auch in der Partnerschaft nichts aufgeben möchten. Andererseits ist für sie das Weibliche ganz besonders reiz- und wertvoll, sie wissen es sehr wohl zu schätzen und sind nachsichtig.

    Vielleicht trage ich dieses Bild von früher noch in mir, deshalb erwarte ich sogar im späten Leben immer noch, dass ich nicht nur als Alte, sondern immer noch als Frau wahrgenommen werden möchte. Und diesbezüglich fühle ich mich solidarisch mit allen, die weiblich sind, egal in welchem Alter.

    Dass es ausgerechnet die Enkeltöchter sind, zu denen Du, lieber Karl, kaum Kontakt haben konntest, hat damit natürlich gar nichts zu tun. Das sind Zufälle, das hat man einfach nicht in der Hand. Von meinen vier Enkeln sind es auch nur zwei, bei denen ich Oma war bzw. noch sein kann.

    „Die Hände sehnen sich danach, ein Kindeskind zu halten“. Ja, das ist der Wunsch der meisten Großeltern. Die Realität scheitert oftmals an Örtlichkeiten, an Befindlichkeiten, an Möglichkeiten. Und so bleiben uns manche Kindeskinder ziemlich fremd, obwohl wir sie ja trotzdem lieben, weil sie zu uns gehören, weil sie die Kinder unserer Kinder sind. Sie sind es, die uns ein klein wenig unsterblich machen, solange wir in ihrer Erinnerung bleiben.

    Und wie könnte man das besser aufrechterhalten als mit Schreiben! Wer schreibt, der bleibt.
    Alles richtig gemacht, Karl!

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