Die heile Halbwelt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Früher, zu tiefsten DDR-Zeiten hatte ich mit meinem Vater öfter einmal den Presseclub am Sonntagmittag auf ARD geguckt. Es gab echten Streit, der meistens manierlich bei Weißwein, Zigarren- und Zigarettenrauch ausgetragen wurde. 

Das ist heute im immer noch westdeutschen ARD-Fernsehen undenkbar. Heute ist es sauber, gereinigt von Qualm und abweichenden Meinungen. Als ich am letzten Sonntag Caren Miosga sah, hatte ich ein Deja-vu-Erlebnis. Plötzlich stand mir die Runde im DDR-Fernsehen lebhaft vor Augen, die offenbar als Pendant zum Presseclub ins Leben gerufen wurde und in der immer alle die gleiche Meinung hatten, sie nur enthusiastisch jeweils ein bisschen anders begründeten.

Ich frage mich: War bei Caren Miosga jemals ein Vertreter der Partei, die nicht nur die mit Abstand größte Oppositionspartei in Deutschland ist, sondern auch die Partei, die bei einer Frage bei den meisten Meinungsumfrageinstituten am besten wegkommt: Wen würden sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?

Ich glaube, das war noch niemals der Fall und wenn, war er garantiert von einer Übermacht der Menschen eingerahmt, die die gute und richtige Meinung vertreten. Das ist Demokratie in den Farben der Bundesrepublik Deutschland: Zur Zwangsfinanzierung werden alle breit einbezogen, zum Sich-Darstellen nur die Guten und Richtigen.

Wenn es einmal anders herum kommen sollte und „die Rechten“ sind in der politischen Mehrheit, dann wird das Gejammer und Geschrei groß sein, wenn diese ihre politischen Gegner auch so behandeln, wie das heute die guten, weltoffenen Demokraten mit ihnen tun, sie nämlich nicht zu Wort kommen zu lassen, wo immer und wann immer das geht, ihnen das Mensch-Sein zu nehmen, indem sie als „Nazis“ denunziert werden, quasi als Un(ter)menschen, gerade so wie im Mittelalter, die, die aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden sollten, als Hexen und Hexenmeister verunglimpft wurden.

Sie konnten sagen, was sie wollten, eine sachliche Diskussion war nicht möglich, weil sie nicht erwünscht war; sie waren sowieso Hexen. Wenn sie sachlich recht hatten, eben nur besonders raffinierte. Dann gab es noch mehr Schulungen, um sie zu entlarven, um ihre geheimen Sprachcodes aufzudecken, das tief Teuflische im angeblich Harmlosen zu finden, damit sie schließlich und endlich dahin befördert werden konnten, wo sie hingehörten: auf den Scheiterhaufen. Und das alles im Namen der Gerechtigkeit und der Wahrheit.

Dann könnten die „Rechten“ auch Debatten beginnen, welche Parteien auf der Grundlage einer neuen, nationalbewussten Verfassung verboten werden sollten. Das werden sie nicht tun, denn eine wirkliche, nationalbewusste Rechte, nicht eine rassistische wie die Nazis, ist diskursfähig, will und braucht die Pluralität der Gedanken und Meinungen.

Die Unvielfalt („Nicht-Diversität“) der politischen Meinungen geht heute im öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Gegenwart so weit, dass nicht nur „Rechte“ nicht zu Wort kommen, sondern bei solch heiklen Fragen wie dem Krieg in der Ukraine alle nicht, die eine andere Meinung dazu haben als die politisch Herrschenden, auch Sahra Wagenknecht zum Beispiel nicht. Sie würde zu Unrecht darüber klagen, nicht mehr in Talkshows eingeladen zu werden; in Wirklichkeit sei sie immer noch eine oft eingeladene Person.

In Wirklichkeit gibt es ja auch keine Teuerung, sondern sie hält sich moderat bei knapp über 2 Prozent in Deutschland. In Wirklichkeit ist auch linke Gewalt nicht das Problem, sondern weit überwiegend nur die rechte. Als wenn es gute und schlechte Körperverletzungen gebe. Der Bürger hört es und denkt sich seinen Teil. Genauso war es am Ende der DDR: Abweichende Meinungen kamen in den offiziellen Medien nicht vor, der „Sputnik“ und andere sowjetische Zeitschriften waren verboten. Ob es bei uns auch mit US-amerikanischen Medien so kommen wird?

Die machen sich im Gegensatz zu den sowjetischen bzw. russischen nicht die Mühe, auf Deutsch zu erscheinen, nicht mal ein kleiner Teil von ihnen tut das. Schon allein deswegen ist es nicht mehr möglich, sie zu verbieten. Das „Web“ ist nun mal „World Wide“, und die Tagesschau und Caren Miosga sehen sowieso immer weniger Leute.

10 Kommentare zu “Die heile Halbwelt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks”

  1. Bernd Günther sagt:

    Lieber Karl,

    selbstverständlich gibt es deutschsprachige Publikationen in den USA. Nur eine kurze Recherche hätte geholfen::

    https://amerikawoche.godaddysites.com/

    https://hiwwe-wie-driwwe.com/zeitung/

    https://neuepresseusa.wordpress.com/

    https://dasfenster.com/

    Grüße Bernd

    1. Karl sagt:

      Natürlich gibt es diese Publikationen. Die Russen hatten sie aber speziell für ein deutschsprachiges Publikum im Ausland geschaffen. Das tun die US-Amerikaner offensichtlich nicht. Wozu auch? Alles was wichtig und neu ist bzw. sein soll, wird in Deutschland, sogar unter den Deutschen selbst, auf Englisch gesagt.

  2. Feder Ohne Flagge sagt:

    Lieber Karl,

    ich ringe beim Lesen ein bisschen mit deinem Text, weil du aus meiner Sicht sehr viele unterschiedliche Ebenen in einen Topf wirfst – und dabei genau das verwischst, was du eigentlich sichtbar machen willst.

    Du beginnst bei der Gesprächskultur im DDR-Fernsehen, springst dann zur Gästeliste bei Caren Miosga, weiter zur Rolle der größten Oppositionspartei, zu abweichenden Meinungen zum Ukrainekrieg, zur Inflation, zur Bewertung linker vs. rechter Gewalt und am Ende noch zu US-Medien und sowjetischen Auslands-Publikationen. Das sind alles für sich spannende Themen – aber sie gehören nicht automatisch in denselben Beweisgang. So wirkt der Text eher wie eine Sammlung von Ärgernissen als wie eine analytische Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

    Gerade weil so viele Themen nur angerissen werden, ist es extrem leicht, praktisch jeden einzelnen Punkt herauszugreifen und inhaltlich zu zerlegen – einfach, weil nirgends wirklich sauber hergeleitet, belegt oder differenziert wird. Es bleibt bei Stimmung und Behauptung, nicht bei Analyse. Ich habe genau diesen Impuls kurz gehabt: deine Punkte aus purem Beißreflex einmal komplett auseinanderzunehmen, weil meine Sicht auf viele dieser Themen fundamental anders ist – und es wäre wirklich nicht schwer gewesen. Aber dabei wäre nichts Fruchtbares entstanden, sondern nur ein autoritäres, schulmeisterliches „Sechs, setzen!“. Damit machst du es all denen sehr einfach, die deine Kritik ohnehin als „nur Meinung“ abtun wollen.

    Gerade der DDR-Vergleich ist für mich ein gutes Beispiel: Wenn sehr unterschiedliche Probleme (Gästeauswahl in Talkshows, Konfliktthemen, Sprachgewohnheiten) mit der Formel „am Ende wie in der DDR“ zusammengebunden werden, entwertet man ein Stück weit die konkrete historische Erfahrung von tatsächlicher Zensur und staatlich gelenkter Medienlandschaft. Es gibt in Deutschland heute viele Dinge zu kritisieren – aber wir haben parallel eine pluralistische Medienstruktur, private Anbieter, Social Media, alternative Angebote und eben nicht nur „die eine Linie“.

    Dazu kommt: Du kritisierst völlig zu Recht den Eindruck von „in Wirklichkeit ist alles so und so“, den manche öffentlich-rechtliche Beiträge vermitteln. Aber im Text benutzt du selbst die gleiche Konstruktion: „In Wirklichkeit“ hier, „In Wirklichkeit“ da – nur eben als ironisch gemeinte Spiegelung. Für mich verschwimmt dadurch, wo du empirisch argumentierst und wo du zugespitzte Polemik betreibst. Wer dir nicht ohnehin schon zustimmt, kann an der Stelle kaum noch unterscheiden: Was ist überprüfbare Kritik, was ist reiner Frust?

    Kurz gesagt: Ich würde mir deine Medienkritik sortierter wünschen. Es wäre spannend, wenn du zum Beispiel separat über die Gästestruktur in Talkshows, separat über den Umgang mit Opposition und Konfliktthemen und separat über internationale Medienlandschaften schreibst. In diesem einen Text ist mir das zu viel auf einmal – so als würdest du lauter berechtigte Fragen bündeln, aber am Ende bleibt nur das Gefühl: „Irgendwie ist alles halbwegs manipulativ.“ Das hilft denen wenig, die sich ernsthaft mit den strukturellen Fehlern des öffentlich-rechtlichen Systems auseinandersetzen wollen.

    Trotzdem danke fürs Aufschreiben – allein schon, weil man an der Reibung merkt, wie groß der Abstand zwischen persönlicher Wahrnehmung und offizieller Selbstbeschreibung des ÖRR inzwischen geworden ist.

    1. Karl sagt:

      Liebe Feder ohne Flagge,

      du scheinst Gesellschaftswissenschaftler zu sein, einer, der es genau nimmt mit akademischen Ansprüchen. Ich will hier auf dieser Seite aber nicht „wissenschaftlich sauber“ argumentieren. Da sträuben sich mir die Federn, obwohl ich im Gegensatz zu dir keine habe. Ich will kreativ sein, das Emotionale im Geistigen bewahren und umgedreht. Ich will keine gesicherten Erkenntnisse darstellen, sondern meine Leser an meinem Denken beteiligen und sie dadurch vielleicht zum eigenen Weiterdenken anregen. Ob mir das gelingt, ist fraglich. Aber nur das ist gut für andere, was auch für einen selbst gut ist. Das ist eine meiner Lebensgrundüberzeugungen (auch schon wieder einmal nicht wissenschaftlich bewiesen und erwiesen):

      Und ich baue durch solche Texte einen Denk- und Gefühlsstau in mir ab, der mir selbst zu schaffen macht. Das ist schon mal gut für mich. Keiner muss meine Texte kennen, der sich um einen akademischen Abschluss in den Politikwissenschaften bemüht. Dafür sind sie zu unvollständig, zu zick-zackig, wie du es vielleicht meinst. Zugleich ist so eine eckige Sache anstößiger als eine runde, auch denkanstößiger. Und dafür und dabei muss ich unvollständig bleiben, das heißt ja auch: offen. In sich geschlossene Argumentationen sind eben genau das: geschlossen.

      Da stehe ich nun, und kann nicht anders (schreiben). Ich bin nun mal der, der ich bin, obwohl ich durchaus auch für Kritik empfänglich bin, aber sie müsste irgendwie auf meiner Wellenlänge sein. Und ich gehöre zur Minderheit der politisch Denkenden, die im Ernst glauben, dass die andere Seite doch auch tatsächlich recht haben könnte, an der einen oder anderen Stelle. Welcher Linker sieht das gegenüber „Rechten“ auch so? Das gibt es, glaube ich, so gut wie gar nicht.

  3. Bernd Günther sagt:

    Wo Schreiben zur Selbstentlastung wird,
    verliert der Diskurs seinen Ort.

    Wenn Argumente nicht geprüft,
    sondern empfunden werden wollen,
    ist Widerspruch kein Beitrag mehr,
    sondern Störung.

    An diesem Punkt endet Gespräch
    und beginnt Monolog.

    Hier steige ich aus.

  4. FederOhneFlagge sagt:

    Lieber Karl,
    danke für deine ehrliche Antwort – damit ist für mich einiges klarer.
    Wenn du schreibst, dass es dir vor allem um kreatives Denken, Gefühlsentlastung und „zick-zackige“ Texte geht und weniger um sauber begründete Argumentation, dann ist das völlig legitim. Aber dann ist es eben auch kein Diskursraum im klassischen Sinne, sondern eher ein Ort für persönliche Positionslichter.
    Für Leute wie mich, die Debatten lieben, in denen Argumente aneinander geschärft werden und beide Seiten das Risiko eingehen, sich korrigieren zu lassen, ist das vermutlich der falsche Rahmen. Ich werde hier deshalb keine Debatte anfangen, in der wir am Ende nur aneinander vorbeireden. Ich nehme deine Texte dann eher als literarische Befindlichkeitsminiaturen wahr als als analytische Medienkritik – lesen kann man sie ja trotzdem.
    In diesem Sinne: Danke für die Klarstellung, ich sortiere dich gedanklich ein bisschen anders ein und lasse es damit gut sein.

    1. Karl sagt:

      Ja, so können wir es machen. Für mich ist das Entscheidende, dass etwas in Bewegung kommt, zuvörderst Gedanken und Gefühle, und nicht dass jemand im Sinne eines akademischen Oberseminars argumentativ gewonnen oder verloren hat. Im gewissen Sinne könnte ich sagen, der Weg ist das Ziel. Das mache ich beim Autofahren tatsächlich so: Mir ist es nicht wichtig, dass ich effizient ankomme, sondern dass ich auf der Reise schöne Landstraßen mit ihren Dörfern und Städtchen kennengelernt habe. (Das kann ich mir allerdings auch erst leisten, seitdem ich Rentner bin.)

      „Ein Ort für persönliche Positionslichter“ und „literarische Befindlichkeitsminiaturen“ ist im übrigen gut formuliert und trifft es.

  5. Feder Ohne Flagge sagt:

    Lieber Karl,
    dein Reisebild gefällt mir, weil es sehr klar macht, worum es dir geht: unterwegs sein, Eindrücke sammeln, nicht die effizienteste Route suchen. Ich verstehe das – gerade als Lebenshaltung.

    Gleichzeitig bleibt für mich eine Frage offen: Wenn du vor allem deiner eigenen inneren Route folgst – Gedanken, Gefühle, Assoziationen -, woran merkst du dann, dass du im Kreis fährst oder in einer Sackgasse stehst? Was, wenn es noch ganz andere, vielleicht sogar schönere Wege gäbe, die du ohne gelegentlichen Abgleich mit fremden Karten gar nicht wahrnimmst?

    Und noch etwas: Manchmal wirkt es auf mich, als würdest du einen halb verfallenen Ort, an dem du gerade anhältst, für typisch erklären – obwohl er vielleicht nur eine Ausnahme in der ganzen Gegend ist. Genau da fängt für mich Diskurs an: nicht, um „im Oberseminar zu gewinnen“, sondern um vom eigenen Eindruck zum belastbaren Bild zu kommen.

    Vielleicht ist das am Ende einfach der Unterschied unserer Temperamente: Du fährst gerne Landstraße nach Gefühl, ich mag ab und zu einen Blick auf die Karte – nicht um den Umweg zu verbieten, sondern um zu merken, wann aus „Unterwegssein“ doch ein Verirren geworden ist.

    1. Karl sagt:

      Es ist nicht so einfach: Auch für mich ist die Landkarte unverzichtbar. Ich möchte unbedingt wissen, wo ich bin, mich einordnen (einnorden) können, nicht nur anhand eines kleinen Google-Map-Ausschnitts, sondern ich brauche vor allem das große Bild, die großen Linien: Wo ist die nächste größere Stadt, die ich kenne.

      Wir wollen uns also beide orientieren, ich aber nicht so genau, sondern eher großräumig. Du willst es, so scheint es mir, genau wissen, bist eher der Wissenschaftstyp, Narziss im Sinne von Hernann Hesse, ich bin eher der künstlerische Typ, Goldmund in seinem Sinne. Aber die Welt verstehen, uns ihrer bewusst werden, wollen wir beide.

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