Einmal im Urlaub ist mir Folgendes passiert: Ich höre das leise Geräusch eines entfernten Düsenflugzeugs. (Solche leisen Geräusche liebe ich, ebenso wie das sanfte Säuseln der Blätter im Wind.) Ich mustere den gesamten Himmel, entdecke aber kein Flugzeug.
Dann sehe ich ganz weit vorn am Rand meines Blickfeldes einen kleinen silbernen Punkt. Auf einmal wird mir klar: Es ist ein Überschalljäger oder wie es heute heißt: ein Düsenjet, also ein „Düsendüser“ (doppelt gemoppelt unlogisch, Hauptsache, was Englisches ist mit dabei) mit Überschallgeschwindigkeit.
Er hat sich selbst überholt, er fliegt schneller, als sein Schall hinterherkommt. So kommt mir das ganze Leben zunehmend vor: Wir kommen uns selbst nicht mehr hinterher, wir leben schneller, als wir in der Lage sind, unser eigenes Leben zu verstehen und zu durchdringen.
Dieses Gefühl hatte ich auch, als ich vor kurzem in Karlsbad, in Böhmen, Tschechien, diesen Wegweiser gesehen hatte. „Pendel-Bus“, was ist denn das? Das hätte ich googeln müssen, wenn ich es nicht gewusst hätte. Ach, ein „Shuttle-Bus“, sag‘ oder besser: schreib das doch gleich an den Wegweiser! Wer soll denn als Deutscher heutzutage noch wissen, was ein „Pendel-Bus“ ist. Karlsbad ist am Rand des deutschen Sprachgebiets, außerhalb, und deswegen vielleicht noch nicht so weit wie das deutsche Kerngebiet.
Die Zeit ist über Karlsbad hinweggegangen wie besagter Düsenjäger. Der Wegweiser ist nicht schnell genug hinterhergekommen, er ist sozusagen treu bei dem geblieben, was vor kurzem noch gültig war. Das gilt für Deutschland nicht, es überholt sich immer schneller selbst, zumindest in sprachlich-kultureller Hinsicht, natürlich nicht in technologischer. Da bleibt es zunehmend hinter sich selbst zurück.
Sprachlich-kulturell verliert sich Deutschland in rasender Geschwindigkeit. Und das passt direkt dazu, dass es sich technisch nicht entwickelt, jedenfalls nicht in der Breite, jedenfalls nicht so schnell, wie es sich selbst vergisst. Ich glaube, das ist ähnlich so, wie wenn ein Mensch der Demenz verfällt, anfänglich langsam und dann immer schneller.
Ich „glaube“ überhaupt viel in Bezug auf das, was ich hier aufschreibe. Ich kann es empirisch nicht belegen, aber ich hoffe, ich kann damit das Denken des einen oder anderen Lesers anregen.
Zu diesen Gedankengängen passt, was ich in der Wochenendbeilage meiner hiesigen Zeitung gelesen habe:
„Die Neigung zum sprachlichen Übermut bei Jugendlichen hat seinen Ursprung in migrantischen Kulturen, wo Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit und Nähe in viel bildhafterer Sprache zum Ausdruck kommen als in der zwar präzisen, aber doch auch technokratischen und metaphernarmen deutschen Sprache, Schiller hin oder her.
[Die Texte hier auf dieser Seite sind jedenfalls nicht „metaphernarm“ und wohl auf Deutsch, wenn ich mich nicht täusche.]
Deutsche Jugendliche umarmen den Trend und nutzen Begriffe wie ‚Inshallah‘ (‚So Gott will‘) oder ‚Wallah‘ (‚Bei Gott‘) ironisch und humorvoll gern mit. So entstand ein multikulturelles Sprachamalgam aus arabischen Koseworten und westlicher Bromance-Lyrik, das gesellschaftlich weite Kreise gezogen hat.“
Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der deutschen Jugendlichen, die so spricht, dies „ironisch“ tut. Sie beugen sich einfach dem Starken und Angesagten und das ist in Deutsch-Land einerseits das Englische und andererseits das Arabisch-Türkische. Deutsch ist also in der Zange, eingekreist von zwei Seiten. Nicht wichtig und nicht angesagt ist von den Eliten dieser Nation jedenfalls das ursprünglich Eigene, Deutsche. Immer mehr Roman- und Filmtitel, zum Beispiel, sind gleich auf Englisch.
Wenn ich sehe, dass auch deutsche Jugendliche inzwischen sagen „Ich geh‘ Schule“ oder „Ich geh‘ Supermarkt‘ wie ihre selbstbewussten Mitschüler aus der Türkei oder den arabischen Ländern, würde ich mich nicht wundern, wenn dieser Trend, fremdsprachige Titel für „deutsche“ Bücher oder Filme zu wählen, hier in diesem Land auch auf das Türkische und Arabische übergeht. Sie, die deutschen Jugendlichen, kennen zwar nicht mehr den religiös-kulturellen Hintergrund christlicher Feste, obwohl es immer mehr „interkulturelle“ Unterrichtsfächer und Projekte gibt, gebrauchen aber selbstverständlich islamische Redewendungen.
Wie war das gerade wieder mit Weihnachten? Wurde da der Knecht Ruprecht geboren? Und Ostern? Wurden da zum ersten Mal eierlegende Hasen auf dem Gebiet der EU – die muss es unbedingt sein, Deutschland reicht nicht – gesichtet? (Von Pfingsten und Fronleichnam wollen wir gar nicht reden.)
Deutsch ist eben eine schwache Sprache, sie wird rigoros gebeugt, ebenso wie Deutschland ein schwaches Land ist. Es tauscht seine kulturelle Grundlage zunehmend mehr gegen die ihrer Zuwanderer aus.
Es ist grad‘ umgedreht wie mit den „schwachen“ und „starken“ Verben im Deutschen. Die schwachen behalten ihren Stammvokal – die „DNA“ im kulturellen Bezug, um wieder einmal eine Metapher in das metaphernarme Deutsch zu bringen – und die starken ändern ihn.
Wir sind stark, weil wir uns ändern, und zwar radikal und rasant, so schnell, bis wir uns vergessen und aufgelöst haben.