Die „kranke“ und vor allem die krankheitsorientierte Gesellschaft meine ich. In den alltäglichen Kleinigkeiten des gewöhnlichen Lebens zeigen sich solche Lebensgrundeinstellungen am besten: Es gibt zum Beispiel, im Verhältnis gesehen, mehr Behindertenparkplätze als Parkplätze, mehr Behindertentoiletten als „normale“.
In einem Parkhaus, das voll ist, finden sich auf jeden Fall noch leere Behindertenparkplätze und das, obwohl diese zum Teil schon unberechtigt genutzt werden. Ich will gar nicht sagen, dass es falsch ist, für gesundheitlich Beeinträchtigte sozusagen auf Nummer sicher zu gehen und lieber mehr solche Plätze zu schaffen als zu wenige.
Worauf ich mit dieser Beobachtung jetzt nur hinweisen will, ist die Krankheits-, die Problem-, Stör- oder Sonderfallorientierung unserer freien westlichen Gesellschaft. Weniger entwickelte Gesellschaften achten mehr auf die Ansprüche und Bedürfnisse ihrer „normalen“, unbeeinträchtigten Mitglieder.
Diese grundsätzliche Blick- und Fließrichtung des gesellschaftlichen Lebens bei uns gilt nicht primär, wie man denken könnte und sollte, für die, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen zu Opfern werden, sondern erstaunlicher Weise mehr für die, die zu Tätern wurden, weil sie angeblich psychisch krank wären.
Jeder Mensch, der einen anderen mit Gewalt attackiert und dabei in Kauf nimmt, dass er ihn (schwer) verletzt, vielleicht sogar tötet, ist psychisch nicht gesund. Das gilt erst recht, wenn dieser Andere ihm persönlich gar nicht bekannt ist. Solche Fälle werden immer mehr berichtet (siehe unten), und die „Demokraten“ in Deutschland könnten nun damit beginnen, Haft- und Strafanstalten systematisch in psychiatrische Kliniken umzubauen.
Das ist zwar eine sowjetische Methode, Störenfriede, Oppositionelle und (gewalttätige) Feinde der real existierenden Gesellschaft einfach für psychisch krank zu erklären. Aber wer weiß, vielleicht gilt ja schon wieder: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen?
Jedenfalls: Menschen – vieleicht besonders deutsche – gucken gern auf das Absonderliche und Gestörte. Was funktioniert und keine Probleme macht, fällt ja auch gar nicht auf.
Das Opfer wird hier in Deutschland für das etablierte, „fachliche“ Denken erst dann so richtig interessant, wenn es selbst zum Täter geworden ist, und zwar am liebsten aus Gründen einer gesundheitlichen oder psychischen Störung. Ein Autist zum Beispiel ist schon interessant. Das Interesse an und für ihn steigt aber rasant, wenn er um sich schlägt oder tritt.
Vor kurzem, am 25.03.25, S. 4, lese ich in der BILD von einem aggressiven Gewalttäter, einem Iraner, der einem überrumpelten Menschen zuerst einen Felsstein in die Frontscheibe seines Autos wirft und dann, nachdem der völlig Perplexe ausgestiegen ist, brutal auf ihn einprügelt und ihm dabei die Nase bricht.
Der Täter hat schon mehr als 30 Straftaten begangen. Er kann in Deutschland nicht belangt werden, weil er krank ist. Dafür konnten seine Opfer, sofort, auf der Stelle brutal und gnadenlos „bestraft“ werden, ohne dass sie sich etwas zuschulden kommen ließen.
Das ist Deutschland.
Der Täter soll an einer paranoiden Schizophrenie leiden. Wie praktisch für ihn: Er ist schuldunfähig und er kann auch nicht abgeschoben werden. Der Staatsanwalt: „Dafür müsste gewährleistet sein, dass er in seinem Heimatland eine ähnliche Behandlung und Betreuung bekommt wie in Deutschland.“ Auch in dieser Beziehung ist Deutschland „krank“, leidet an einer schweren Verschiebung der Maßstäbe, so lange die Deutschen weiter die etablierten Parteien wählen.
Und was ist – auch in diesem Fall – mit dem Opfer? Wer sorgt dafür, dass es in seinem eigenen Heimatland angemessen behandelt und betreut wird?
Ich habe diesen Beitrag angekündigt. Sein Gedankenkern zieht sich durch alle meine Beiträge (der letzte dazu, der sich explizit damit beschäftigt, ist: Wollt ihr die absolute Individualisierung und Pathologisierung?). Gesellschaftskritisch bin ich wie viele. Am substantiellsten gelingt mir das aufgrund persönlicher und beruflicher Erfahrungen wahrscheinlich auf dem Gebiet der Erziehung.
Ich hatte einen Jugendfreund, eher in der 2. Reihe, ein paar Jahre lang. Wir experimentierten mit Raketen, wollten sie möglichst hoch in die Luft schießen. Es war so ungefähr in der 8. Klasse. Plötzlich sagte er bei einem Zusammensein: „Entschuldige bitte!“ Ich fragte ihn verwundert, wofür?
Er: „Tu‘ doch nicht so, du riechst es doch auch. Ich habe einen ‚fahren lassen‘.“ – „Nein, ich merke wirklich nichts.“ Ich weiß heute nicht mehr, ob ich nichts merken wollte – ich war damals noch viel schamhafter als heute, wo ich ziemlich ungeniert darüber schreiben kann – oder ob ich wirklich nichts roch.
Er erklärte mir: „Mein Schließmuskel funktioniert nicht richtig. Ich kann das nicht immer regulieren. So passiert es mir manchmal, obwohl ich es absolut nicht wollte“. Ich fand seine Ehrlichkeit erstaunlich und gut, beteuerte aber weiter, nichts gemerkt zu haben.
Was damals die persönliche Ehrlichkeit eines einzelnen Jungen war, ist heute zu einer „Masche“ des ganzen, freien und individuellen Westens geworden: Wenn etwas schief gegangen, etwas Unerfreuliches passiert ist, liegt es nie am Übermut, der Unbedarftheit, der Frechheit oder Unerzogenheit bzw. Ungehobeltheit des Übeltäters, sondern es wird immer so lange nach einem „biologischen“ oder medizinischen Grund, für den er nichts kann, gesucht, bis er gefunden ist.
Wenn immer ein Grund gesucht und gefunden wird, warum Einzelne sich nicht gut und richtig benehmen können, auch wenn sie es wollen, warum sollten sie es dann noch tun? Sie würden damit ja nur am Nimbus ihrer geheimnisvollen, schwierigen und „tiefen“ Persönlichkeit kratzen.
Frechheit, „Dummheit“ und Naivität könnte man ja selbst ändern, mit erzieherischer Hilfe von psychisch starken, gewogenen und erfahrenen Mitmenschen. Innere „Krankheiten“ kann man aber leider nur durch aufwändige Therapien kurieren, auf die man nun aber natürlich, besonders auf die teuren, ein volles Anrecht hat. Wer andere nicht attackiert, ist selbst schuld, der kriegt so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung natürlich nicht.
Das gilt für Erwachsene, die die Rechte ihrer Mitmenschen missachten, zuweilen auf eine kriminelle Weise, aber erst recht gilt es für Kinder und Jugendliche. Der Gedanke, dass pädagogische (nicht juristische) Strafen eine wichtige Hilfe sein können, damit Kinder sich nicht immer weiter in die falsche Richtung entwickeln – zu ihrem eigenen Schaden und zu dem ihrer Mitmenschen -, geht einfach nicht in die Hirne der guten Menschen. Zu schön und menschenfreundlich klingt es in ihren Ohren:
Hilfe statt Strafe!
Entweder haben Kinder und Jugendliche, die sich nicht benehmen können, heute in Deutschland
- Pubertät, auch Vor- und Nachpubertät
- Identitätsprobleme mit ihrer Geschlechtlichkeit, ist ja bei 74 (oder wie vielen?) auch nicht so leicht.
- AD(H)S
- eine Autismus Spektrum Störung, einschließlich Asperger und PDA
- oder Migrationshintergrund.
Jedenfalls sind sie bedauernswerte Opfer des Lebens und keinesfalls Täter, die anderen das Leben zur Hölle machen. Sie können sich nicht benehmen. Ob sie sich überhaupt benehmen wollen oder ob sie sich pudelwohl in der Rolle des Angreifers und Gewalttäters fühlen, fragt keiner. Es ist moralisch verboten, das zu fragen.
Was machen die Opfer in dieser Lage? Sie flüchten sich oft genug auch in die Krankheit. Sie können dann ebenfalls nichts dafür. Haben Burnout, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen. Die kann man in der heutigen deutschen Schule tatsächlich bekommen, geradezu gesetzmäßig wie im Krieg auf beiden Seiten der „Front“, auf der Schülerseite, ebenso wie auf der Pädagogen-Seite.
Und das in unserer Zeit, wo die Schulen so demokratisch und partnerschaftlich sind, wo sich alle auf einer Augenhöhe in die selben schauen, wo es zig Familien-, Erziehungs-, Sucht- und Schulberatungsstellen gibt, wo Kinderzentren auf der Höhe der letzten Erkenntnisse der Neurobiologie Therapien anbieten, wo Experten so interdisziplinär wie noch nie mit Kindern und Erwachsenen arbeiten.
Wie schlimm muss das in den Zeiten des Kaiserreichs gewesen sein, wo es nichts davon gab, aber den Rohrstock? Einen Vergleich zwischen den Selbstmordraten bei Kindern und Jugendlichen damals und heute finde ich im Internet nicht. Meine Hypothese ist, dass diese Rate jetzt höher ist, insbesondere dann, wenn wir die jungen Menschen mitrechnen, die heute ihr Leben durch einen maßlosen Drogenmissbrauch gefährden und auf lange Sicht oft genug „wegwerfen“.
Noch eine Hypothese: Eine Tätergesellschaft entsteht, wenn zu viele zu lange als Opfer eingestuft werden, bis sie sich schließlich selbst so sehen.
Die bundesdeutsche Gesellschaft sei eine der ungerechtesten der Welt. Kaum woanders hinge der schulische Erfolg so sehr von der Herkunft ab wie hier. Ich habe mich schon immer gefragt, wer hindert denn die Kinder benachteiligter Familien daran, in der Schule aufzupassen? Die Lehrer, die sich so viele Frechheiten gefallen lassen müssen, würden einen solchen Schüler, der sich benehmen kann und will, bestimmt unterstützen, schon aus Dankbarkeit dafür, dass er sie nicht attackiert.
Wer hindert denn Kinder, die Eltern haben, die ihnen mit dem Unterrichtsstoff nicht helfen können, daran, bei vertrauenswerten Nachbarn nachzufragen, die oft genug vereinsamt sind und sich sehr darüber freuen würden, wenn sie wieder im Leben gefragt wären, im direkten Sinn des Wortes.
Das könnten „benachteiligte“ Kinder und Eltern sofort tun, ohne ellenlange Therapien und ohne ein jahrelanges Warten darauf. Aber der Blick der deutschen Gesellschaft, ihre Lebensphilosophie, ist nicht auf die Lösung gerichtet, sondern auf die Probleme, „barmend“ auf jedes einzelne.
Nehmen wir einen Schüler, der zu Wutanfällen neigt. In zig Weiterbildungen wird Lehren und Erziehern beigebracht, wie schwer es der Junge/das Mädchen mit seiner neuronalen und mentalen Konstitution hat. So viele Reize stürmen auf ihn ein; er kann sie nicht mehr sortieren und dann ist es doch klar, dass er die Schulbank umstoßen, einem stillen Mitschüler oder den ebenso verschüchterten Lehrer in den Bauch treten muss, bis beide sich vor Schmerzen krümmen.
Früher hätten die unweitergebildeten Pädagogen gesagt: Ein Rabauke, der sich nicht benehmen kann, muss dringend erfahren und erleben, dass er mit diesem Verhalten keinen Erfolg mehr hat. Heute sind sie weiter, nämlich expertengeschult, heute wissen sie, warum der Gewalttäter so handeln muss, wie er es tut. Sie haben gelernt, sich ihm anzupassen: Sieh‘ ihm auf keinen Fall in die Augen, wenn er seinen Anfall bekommt, sprich ihn nicht direkt an, schon gar nicht mit Forderungen.
Problemorientiert wird geübt und trainiert, wie man es „Beeinträchtigten“ Recht machen kann: Gib‘ ihnen (wie bei einem bewaffneten Überfall), was sie wollen, bevor sie sich ärgern und in die Spirale ihrer Wut hineingeraten. Bloß (eins): Die Reizschwelle für Ärgernisse sinkt dadurch immer tiefer, bis schließlich eine Fliege an der Wand Grund genug für einen Wutanfall ist. Bloß (zwei): Es gibt hier in Deutschland immer mehr, die irgendein internes, mentales oder neuronales Problem haben. „Jedem recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann“, vor allem dann, wenn die Probleme und Ansprüche dieser „Jedermanns“ immer höher und diffiziler werden.
Wenn ein Getretener dann zurücktritt, gilt diese subtile Sensibilität für ihn hoffentlich genauso, und er darf sich dann ebenso austoben, weil er ja inzwischen nun auch traumatisiert ist (in diesem Fall sogar eindeutig und nachvollziehbar) und nicht mehr anders kann, wie der, der mit den Gewalttätigkeiten begonnen hatte. Einmal Verständnis – immer Verständnis, das sollte nicht nur für einen einzelnen Schüler in seiner individuellen Geschichte gelten, sondern in der Breite dann auch für alle Mitmenschen um ihn herum. Und mal ehrlich: Wer ist heute schon noch psychisch gesund, nicht (post)traumatisiert nach 80 Jahren Frieden in Deutschland, nach Vollversorgung in jeder nur denkbaren Hinsicht?
Das Verrückte ist, dass das „Betragen“ von Schülern, die gewalttätig sind, heute in Deutschland auf keinen Fall bewertet werden darf. Wenn es eine solche Kopfnote „Betragen“ gibt wie in den alten bösen Zeiten, in denen Gewalt im Klassenzimmer noch nicht an der Tagesordnung war, dann darf sie bei den durch AD(H)S und/oder Autismus psychisch beeinträchtigten Kindern auf keinen Fall mit einer Zensur versehen werden.
Und um nicht ungerecht gegenüber dem Täter-Individuum zu werden, entscheiden sich die Pädagogen im Zweifelsfall immer für eine Krankheit oder Entwicklungsstörung als Ursache eines Mitmenschen missachtenden gewalttätigen Verhaltens.
Also: Immer mehr von denen, die sich nicht benehmen können, erhalten keine klare Rückmeldung mehr zu ihrem Verhalten, die sie auch ins Verhältnis zum Betragen ihrer Mitschüler setzen könnten. Aber gerade sie hätten sie besonders nötig. So können sie kein persönliches Problem- und Unrechtsbewusstsein entwickeln, was die Vorraussetzung und der Beginn einer individuellen persönlichen Entwicklung hin zum Besseren wäre.
In Deutschland geht der Blick zu den einzelnen Problemfällen. An diesen soll sich die Klassen- und Schulgemeinschaft ausrichten, anstatt umgedreht.
Es gibt hier einen Sog oder Zug nach „unten hin“, anstatt nach oben hin zu dem, was für die ganze Gemeinschaft nötig und gut ist.
„Lustig“ und bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, dass die politisch Verantwortlichen in Deutschland die Sprache des eigenen Volkes mehr und mehr ablehnen und verlernen. Sie können, wenn sie einen „Sog-“ oder „Zugfaktor“ meinen, nur noch von einem „Pullerfaktor“ reden. (Oder hieß es nur „Pull“? Ich kenne mich in Fremdsprachen nicht so gut aus, habe mit der Vielfalt und Differenziertheit des Deutschen genug zu tun.)
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In Deutschland gilt bei denen, die moralisch schick denken: Wer zum Baden im See will, muss schon auf dem Weg dahin schwimmen. Die guten Menschen dieser Art verstehen nicht, dass es sich besser – tiefenfreudiger und lustvoller – schwimmt, wenn der Weg dahin zwar zu schaffen ist, aber nicht so leicht und bequem war.
Wer in seiner Person akzeptiert und respektiert werden will/soll, muss ernst genommen werden, erfahren und erleben, dass nicht jedes einzelne, konkrete Handeln von ihm von vornherein und automatisch akzeptiert und respektiert wird. Und wenn er zehnmal krank oder entwicklunsgestört ist, Gewalt gegen andere, Mitmenschen oder Tiere, ist niemals akzeptabel. Das wird einfach nicht geduldet und zieht sofort eine spürbare, konkrete negative Folge für den Gewalttäter nach sich.
Zum Beispiel: Wer geschlagen oder getreten hat, fliegt sofort raus in einen seperaten Raum, wo er keinen mehr verletzen kann. So viel Basis-Therapie muss sein. Bei Gewalt gegen Sachen ist mehr Geduld möglich, aber auch dort muss es eine klare Orientierung geben.
Wenn Deutschland überleben will, muss es seine mentale Grundphilosophie, die Fließ- und Blickrichtung seiner Lebenseinstellung um 180 Grad drehen: Weg vom problemorientierten Sonder- und Einzelfall hin zu den Interessen der ganzen Nation, der ganzen Familie, der ganzen Klassen- oder Schulgemeinschaft. Der Blick muss auf das Große und Ganze gerichtet sein, das funktioniert, weil es von einzelnen Befindlichkeiten absehen kann und will bzw. sie nur so weit berücksichtigt, wie das nötig ist, um dem gestörten Einzelnem den Weg zum erfolgreichen Ganzen (zurück) zu weisen und zu ermöglichen.