„Erwachsene gehen mich nichts mehr an,/ Ich muss nun an die Enkel denken“

So stellt das Johann Wolfgang Goethe in den „Zahmen Xenien“ fest. An Zelter, einen Freund, schreibt er 1828:

„Das kleine Volk im zweiten Grade hat etwas eigen Anmutiges und Gefälliges.“

In Bezug auf den erstgeborenen Enkel Walter spricht Goethe in einem Brief vom 16.06.1819 an den in Weimar lebenden englischen Schriftsteller Melish sogar von „großväterlicher Affenliebe“, obwohl er glaubte, wie es sich bei Eckermann nachlesen lässt, dass der Zweitgeborene Wolf(gang) mehr sein eigenes Naturell geerbt hätte, während Walter mehr das seiner Mutter.

Ich lade meine Enkel ein, im nächsten Sommer 1 Woche mit ihrem Großvater an der Ostsee zu verbringen, wenn’s klappt in Heringsdorf in der Jugendherberge. Von Schlafsälen ist nicht mehr die Rede. Wir werden ein Familienzimmer haben. Es können auch zwei sein, aber ich fürchte, die Enkelinnen werden mein Angebot nicht annehmen. Vielleicht fühlen sie sich schon zu alt dafür.

Eine Ferienwohnung wäre auch nicht schlecht, wenn die Jugendherberge ausgebucht ist. In beiden Fällen ist es mir wichtig, dass wir alle Drei zu unserer Versorgung beitragen: den Tisch decken und wieder abzuräumen, im Falle der Ferienwohnung vor jedem Frühstück die Brötchen zu kaufen und rechtzeitig daran zu denken, in der Kaufhalle alles Nötige besorgt zu haben und den Geschirrspüler ein- und auszuräumen.

Beide Enkel sind gutwillig und bereit mitzumachen. Der eine ist es von zu Hause aus gewöhnt, der andere nicht. Er wird es lernen und vielleicht sogar auch einüben. Ich verstehe nicht, dass Eltern das nicht verstehen: Durch verbindliche und ganzheitliche Aufgaben, im Haushalt zu helfen, lernen Kinder, was so wichtig ist im Leben: Ich muss die Aufgabe, die ich übernommen habe, bis zu Ende erledigen.

Dabei ist es egal, ob ich noch „Lust darauf habe“ oder inzwischen lieber etwas anderes machen möchte. Die anderen verlassen sich auf mich, darauf, dass ich das einmal Verabredete erledige. So lernt sich Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein, etwas was Kinder auch ganz dringend für ihren schulischen Erfolg und insgesamt im Leben brauchen.

Klüfte überspringen zwischen den Generationen, Brücken bauen zwischen zwei nicht gar zu weit entfernten – das stelle ich mir gut und bereichernd für alle Beteiligten vor. Der etwas Ältere von beiden kann schon gut „springen“. Er hängt – psychisch – nicht wie eine Klette an seinen Eltern, der andere tut das schon noch, obwohl er inzwischen 9 Jahre alt ist. So ein Großvater-Enkel-Urlaub ist auch eine gute Gelegenheit, diesen Sprung zu wagen und zu üben. Er ist lebens- und liebensnotwendig; wir können nicht immer nur hängenbleiben an dem, was uns so sehr vertraut ist.

Außerdem bin ich ihm ja auch vertraut. Seit vielen Jahren, seit er zwei Jahre alt ist, „habe“ ich ihn an einem Nachmittag in der Woche. Da müsste ich doch ein guter „Sprungbrettstein“ sein können, ein größerer, flacher Stein, der im Fluss liegend aus dem Wasser ragt und dem mutigen Wanderer hilft, von einem Ufer zum anderen zu kommen. Ich bin gespannt, ob’s klappt, auch mit dem Jüngeren.

Ich werde im Urlaub nicht darauf bedacht sein, meinen Enkeln etwas Besonderes zu „bieten“. (Wenn ich das schon höre.) Zeit füreinander zu haben, sich aufeinander einzulassen, das ist doch herrlich und das funktioniert auch im Alltag, wenn ich mit dem einen der beiden, der bei mir in der Nähe wohnt, einen Nachmittag in der Woche verbringe.

Ich biete ihm keine Attraktionen, nichts Besonderes. Wir haben einfach Zeit, in Ruhe ein Eis zu essen und durch das Einkaufzentrum zu schlendern, mal dort stehen zu bleiben oder mal dort, um uns schließlich noch etwas zu trinken zu kaufen. Er begleitet auch seine Eltern beim Einkaufen, aber dort und dann, vermute ich, muss es schneller gehen, effektiver sein.

„Verweile doch, du bist so schön.“ – Das, was Goethes Faust zum Verhängnis werden würde, wenn er es täte – er hätte dann die Wette mit Mephistopheles verloren und seine Seele würde dem Teufel gehören – ist eigentlich genau das, was Lebenskunst (mit) ausmacht: auch verweilen zu können im richtigen Moment. Die Eltern sind immer viel beschäftigt und die Kinder ebenso, in der Schule, vorm Computer und/oder mit ihren Kumpels.

Was Großelterlichkeit ausmacht, ist die Bereitschaft zum Innehalten, zum Müßiggängerischen. Da trifft sich das Kindliche mit dem Alten. Endlich kann er mal all die DVDs ansehen, ohne sie wirklich kaufen zu wollen, die er sonst nicht betrachten soll, weil es die Eltern eilig haben, und sie einen Kauf von vornherein vermeiden wollen.

Ich kann gelassener sein. Mich stresst nichts und deswegen kann ich vertrauen: Er will nur schauen (spielen), nicht kaufen (beißen) – und bei ihm stimmt’s fast immer wirklich so.

Beim Ostseeurlaub werden Muscheln oder Steine zum Verweilen einladen und das stundenlange – hoffentlich! – Gebaue einer Burg aus nassem Sand. Aber natürlich gibt es trotzdem ab und zu auch „Attraktionen“: Das Fahren mit einem Schiff; das Essen von Kuchen oder Eis im Dachwintergarten des Hotels „Kaiserhof“, wo wir auch das Kaiserklo bestaunen werden; das Laufen auf einem Baumwipfelpfad; das Spielen mit einem Ball, vielleicht auch mit anderen Kindern aus der Jugendherberge; das Benutzen des Sportspielplatzes ganz in der Nähe mit vielen Geräten und Sportspielmöglichkeiten, zu dem auch eine Tischtennisplatte gehört; Fahrrad- und Zugfahren. Und dann natürlich Schach – sie können gemeinsam gegen mich spielen oder auch gegeneinander – und Räuberrommee. Wir werden gar nicht alles schaffen – ein guter Grund, den Großvater-Enkel-Urlaub im nächsten Jahr zu wiederholen.

Die Kaiserbäder auf Usedom, zu denen als 4. Swinemünde gehört, haben neben der Schönheit der Natur auch eine Kurbadarchitektur, die mich immer wieder fasziniert. Sie erinnert mich an die Häuser im böhmischen Bäderdreieck, in Karls-, Marien- und Franzensbad. Werde ich es schaffen können, meine Enkel für diese Ästhetik zu sensibilisieren, für das Gesamtambiente der Schönheit des Meeres, der Landschaft und der Gebäude? Ich glaube, dass mir das im beschriebenen Verweil-Modus gelingen wird.

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