Lebenslinien im Dialog erkennen – Meta und Karl III

Liebe Meta, bitte entschuldige. Ich fürchte, meine Behauptung, Du würdest in Deinem letzten Textstück von Teil I „kaltschnäuzig“ und „schaumgebremst“ mit dem Scheitern der Beziehung zu Reinhard, verursacht durch seinen Freitod, umgehen, war nicht nur etwas „ruppig“, wie ich es in Teil II eingestehe. Sie war mehr als das, nämlich unsensibel, auch weil ich sie verallgemeinernd auf alle Deine Lieben bezog, von denen Du noch gar nicht geredet hattest. Ich staune, wie gut Du das verkraftet hast, ohne zu protestieren. 

Inzwischen habe ich eine Ahnung, wie es zu dem, was mir „kaltschnäuzig“ und „schaumgebremst“ vorkam, gekommen sein könnte. Aber darüber lass‘ uns bei nächster Gelegenheit lieber persönlich reden, wenn wir uns im Frühling in unserer schönen gemeinsamen Vaterstadt Brandenburg treffen, bei einem Spaziergang, vielleicht in Verbindung mit einer „Dampferfahrt“ auf der Havel.

Wir hauen uns ganz schön Wertungen um die Ohren, aber wir kennen uns ja auch schon ewig, und die Anonymität dieser Seite ist hilfreich, obwohl es genug gibt, die wissen, wer wir sind. Du hast natürlich Recht: Um mein musikalisches Rhythmusgefühl ist es katastrophal bestellt. Und ich finde es gut, dass wir uns brandenburgisch „schnoddrig“ gegenseitig Direktheiten zumuten (wenn ich auch manchmal über das Ziel hinausschieße – siehe den 1. Absatz).

Und damit will ich gleich fortfahren: Du kommst mir sehr wissenschaftsaffin vor (im Hinterkopf habe ich noch ein anderes Wort, das ich Dir auch lieber persönlich sage.) Das, was Du zum Sinn des Lebens schreibst, ist sicher richtig und interessant, aber berührt es Dich wirklich persönlich? Du breitest mir zu sehr akademische Kenntnisse aus.

Wenn wir über das nachdenken, was Du am Ende von Teil 2 schreibst, über unsere frühen Prägungen, unsere Dominanzbedürfnisse und unsere Niederlagen, sind wir, glaube ich, echter und wahrhaftiger. Bevor ich in meinem eigenen Leben geprägt werden konnte, war ich schon vorgeprägt durch eine besondere, genetisch bedingte Sensibilität. (Du weißt, dass diese Prägung vor unserem eigenen Leben durch die Vorfahren mich immer wieder beschäftigt, auch schon in den vorigen Teilen dieses Dialogs.) Als Kleinkind bekam ich drei Lungenentzündungen, darunter mindestens eine doppelseitige. Das hinderte meine Mutter erst einmal nicht, mich weiter in die Kinderkrippe zu bringen.

Sie wollte unbedingt Russisch lernen. Nachdem sie vom „Führer“ begeistert war, wollte sie nun Stalin, dem „Vater der Völker“, nacheifern. Wenn ihr erstens der Kinderarzt nicht klipp und klar gesagt hätte: Sie müssen sich entscheiden, entweder wollen Sie im Sozialismus Karriere machen oder Ihren kleinen Sohn behalten und wenn zweitens – noch wichtiger – meine Oma Frieda (gesegnet sei ihr Name und Ihr Andenken), ich glaube, über eine spezielle Kirche, nicht Verbindungen nach Westberlin gehabt und Penicillin besorgt hätte, wäre ich gestorben. Ich hatte es in der Kinderkrippe nicht ausgehalten.

Ich nehme das meiner Mutter nicht übel (glaube ich jedenfalls im Moment). Sie war, wie sie war: sehr begeisterungs- und glaubensfähig. Zum Teil bin ich das ja auch: naiv und gutgläubig. Anders wäre meine Begeisterung für einen utopischen Kommunismus gar nicht zu erklären und anders wäre nicht zu verstehen, dass ich mich als Student geschmeichelt fühlte, als mich im 2. oder 3. Studienjahr – ich war 20 oder 21 Jahre alt – Mitarbeiter des Zentralkomitees der SED um eine vertrauliche Zusammenarbeit baten. Sie kamen aus Berlin und waren nicht so beschränkt wie die meisten provinziellen Funktionäre der SED. Ich bin eitel, leider, fühlte und fühle mich berufen zu Höherem. So ging es meiner armen Mutter auch.

Sie, liebe Leser, wissen es natürlich: Es waren Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, Hauptverwaltung Aufklärung. Ich verstehe es bis heute nicht: Warum ist ein Funktionär der Blockparteien, der mit Eifer und ganz offiziell der Arbeiter- und Bauern-Diktatur diente, zum Beispiel im Ministerium des Inneren, weniger schuldig, als einer, der das inoffiziell in einem anderen Ministerium – das eine wie das andere diente der „Partei der Arbeiterklasse“ – mit dem Augenmerk auf das westliche „Operationsgebiet“ tat? Aber das ist ein Extrathema, das führt mich jetzt zu weit weg.

Sehr sensibel also, das war ich und das bin ich. Die Schwelle der Reizempfindlichkeit ist niedrig. Die Lautstärke von Musik oder die Temperatur des Badewassers, die andere für ganz erträglich halten, war und ist für mich unerträglich. Die Sensibilität betrifft also nicht nur höhere Gefühle, sondern auch „niedere Empfindungen“. Die Spannweite der Sensibilität ist groß, sowohl in der Breite als auch in ihrer Staffelung bezüglich ihrer qualitativen Tiefe und Höhe.

Zurückweisungen, wenn ich mich einmal aus meiner Schüchternheit hervorgewagt hatte, konnte ich kaum verkraften. Inzwischen bin ich abgehärteter, vielleicht auch abgebrühter. Die Scham, der Versager, nicht gewollt zu sein, war mir unerträglich. „Vorgeführt“ und blamiert zu werden, ist das stärkste Gefühl meiner Kindheit und Jugend, vielleicht schon allein deswegen, weil Angst immer stärker empfunden wird als ihr positives Gegenteil, als der Mut und das Glücksgefühl. (Und wahrscheinlich schleppte ich – wieder einmal – schon aus meinen  Erbanlagen diesbezügliche „Einkerbungen“ mit.) Ich kann mich in meiner älteren Kindheit und Jugend an solche Erlebnisse erinnern. In der Zeit meiner frühen, intensiven Prägsamkeit (0 – 5 Jahre) habe ich sie wahrscheinlich genauso vergessen, jedenfalls mental-bewusst, nicht körperlich, wie mein Leiden und Ringen mit meinen Lungenentzündungen.

Das Gefühl, der Blamierte, der Dumme zu sein, ist, wenn ich’s recht bedenke, mein Lebensthema, ein Urgrund meiner Gefühle. Es ist zugleich der beste Humus für  Rache- und Machtgelüste, erst recht, wenn so etwas schon in vergangenen Leben vorgeprägt wurde. Dann kann die aktuelle Verletzung und ihre akute Entzündung diesbezügliche „Angebote“ aus dem Erbmaterial aufgreifen, wahrscheinlich mehr noch die zur Kompensation als zur Verletzlichkeit selbst.

Du weißt, das ist ein Lieblingsgedanke von mir, wie sich über die Generationen Eigenheiten und Empfindlichkeiten und zugleich ihre Kompensationsmöglichkeiten – „wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ (Hölderlin) – überlappen, vertiefen, anreichern und steigern.

Gegen den Tiefmut, die Angst, ist der Hochmut ein gutes Pendant. Es gibt ein Klassenfoto, ich glaube, aus der 11., da ist er mir regelrecht ins Gesicht geschrieben. (Wie übrigens nur noch einem anderen Klassenkameraden, mit dem ich äußerlich wenig zu tun hatte, seelisch aber verwandt gewesen sein musste, ohne dass wir dies damals wussten, ja nicht einmal ahnten – nur beim Ansehen des Bildes beschlich mich diese Ahnung schon zu dieser Zeit. Wenn es noch ein Klassentreffen gibt, werde ich ihn fragen und einen anderen, ob er wirklich nicht gemerkt hatte, dass ich in ihn verliebt war.)

Du hast das Foto gefunden, liebe Meta, erkennst diese Ähnlichkeit der Arroganz in den Gesichtsausdrücken zwischen mir und dem Klassenkameraden nicht und fragst mich: „Interpretierst du da nicht zu viel hinein?“ Vielleicht. Aber ich glaube, wir alle sind besonders sensibel gerade dann, wenn wir das Eigene im Anderen wiedererkennen.

*

Lieber Karl, was ist denn ein weniger neutrales, wohl eher pejorativ konnotiertes Wort für wissenschaftsaffin?  Wissenschaftsgläubig, fachidiotisch, rationalistisch, akademistisch, intelligenzbestialisch? Als Opfer meiner oberlehrerhaften Anwandlungen wirst du nicht mehr lange stillhalten, das prophezeie ich dir. Du wirst so abgebrüht sein wie meine Familie, die sofort in den Man-darf-sie-nicht-ernst-nehmen-Modus umschaltet, wenn ich einen meiner spontanen Kurzvorträge vom Stapel lasse. 

Nicht so ganz heimisch hast du dich bestimmt gefühlt, als ich meine Überlegungen zum Sinn des Lebens zum Besten gab, indem ich geeignete Exemplare der Wortfamilie ‚Sinn‘ als Aufhänger benutzte. Aber so funktioniere ich nun mal, besonders wenn die Materie komplex und schlüpfrig ist und ich die Tür zum letzten Kämmerchen lieber unter Verschluss halten will.

Vor zwei Jahren hatten die Initiatoren des Schlossparkfestes in Plaue mich gebeten, das Motto dieser Sommerveranstaltung mit einem kleinen Vortrag lebendig werden zu lassen. Das Motto hieß „gut behütet“ und alle Besucher waren aufgerufen, mit möglichst spektakulären Hüten zu erscheinen. Ich hatte keine Lust auf einen salbungsvollen oder bildungsbürgerlich aufgemotzten Beitrag und nahm mir die Wortfamilie Hut vor, von Hutschnur bis Grashüter, von behutsam bis Verhüterli. Die Zuhörer glucksten vor Lachen und ich fühlte mich bei diesen skurilen Assoziationsketten ganz in meinem Element.

Man könnte auch sagen: Ich fühlte mich obenauf – und da sind wir bei den Dominanzbedürfnissen. Meine Klassenlehrerin in den ersten Schuljahren, die Mutter einer unserer Mitschülerinnen an der EOS, bescheinigte mir bereits in meinem Jahreszeugnis der zweiten Klasse: „In der Gemeinschaft stellt sie sich gern in den Mittelpunkt.“  Wobei ich mich nicht erinnern kann, dies willentlich und vorsätzlich getan zu haben. Aber schon im Sandkasten kamen die Spielideen von mir, oder anders: wurde von mir erwartet, dass ich das Kommando übernahm.

Auf dem Hof unseres Mietshauses, in dem 3 der 10 Familien kinderreich waren und zusammen bis zu 12 Kinder „zum Spielen runter“ schickten, war immer was los. Aber wenn ich nicht da war, brüllten die Kinder nach oben: „Frau B. (meine Mutter), wann kommt denn endlich Meta runter, uns ist langweilig!“ Bernhard, zwei Jahre jünger als ich, wünschte sich zum Geburtstag: „Ich brauche nichts. Hauptsache Meta kommt und erzählt uns den ganzen Nachmittag lang Geschichten.“ Ich kann mich an diesen Wunsch nicht erinnern, aber Bernhard, der genau wie sein Vater Augenarzt geworden ist und mich seit meiner ersten Lesebrille betreut, hat es mir letztens erzählt.

War ich arrogant? Wenn Arroganz, wie ich glaube, vor allem ein Zeichen von überspielter Unsicherheit ist, dann war ich nicht arrogant, sondern  nur sehr selbstgewiss. Und diese Selbstgewissheit ist ja vor allem ein Resultat der ständig wiederkehrenden Beobachtung, in bestimmten Dingen besser zu sein als die Menschen um einen herum. Arroganz setzt dann ein, wenn man erlebt, in anderen Dingen durchaus nicht besser zu sein, diese Dinge daraufhin aber für unwichtig erklärt. Das erste Mal, wo  meine Überzeugung, besser zu sein als die anderen, einen schmerzhaften Dämpfer erhielt, war beim Übergang von der POS an die EOS. Da kamen ja ausgewählte Gleichaltrigen zusammen, die auch die Erfahrung gemacht hatten, besser zu sein als die anderen – und plötzlich war man nur noch eine von vielen.

Ich reagierte auf diese Beobachtung aber nicht mit dem Entschluss, ab jetzt eifriger zu lernen und so die Konkurrenz zu überholen. Ich war nie eine fleißige Schülerin, auch wenn die Lehrer das von mir behaupteten, ich verwertete nur all das effektiv, was mir zufiel. Sobald ich herausgefunden zu haben glaubte, dass es anderen nur mit schierem Fleiß gelang, auf einem durchschnittlichen Level zu bleiben, war ich wieder obenauf und erklärte die Note 2 zu meiner Standardnote und alles, was darüber lag, für den Aufwand nicht wert.

Bis heute ist mir ein Rätsel geblieben, warum  auch meine Geschwister, später meine Kinder und inzwischen auch die Enkel von Anfang an mit dieser Selbstgewissheit, mit dieser potenziellen Leithammel-Kompetenz ausgestattet sind. Die Neuapostolische Kirche, der ich, wie du weißt, bis zu meinem 18. Lebensjahr angehörte, verlangte eigentlich, zumal von Mädchen, eine Mentalität des Dienens und Sich-Unterordnens. Wie kam mein Vater damit zurecht, dass er es als Gemeindevorsteher nicht geschafft hatte, die eigenen Kinder auf diese Spur einzuschwören? Meine Mutter jedenfalls, die in meiner Wahrnehmung fast immer schwach und mit wenig Durchsetzungskraft ausgestattet war, zeterte des Öfteren: „Meta, du bist die Erste und Letzte,  die wir das Abitur haben machen lassen. So arrogant wie du geworden bist, sollen deine Geschwister nicht sein.“

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich meine Eltern mit zweierlei Maß messe. Wann habe ich angefangen, meine Mutter mit einem analytisch-distanzierten Blick zu betrachten?  Das muss schon sehr früh gewesen sein. Erst viel später, als ich selbst Mutter war und erlebte, wie das Gefühl einer bedingungslosen Liebe und Loyalität für meiner Söhne mich geradezu durchtränkte, wurde mir bewusst, dass meine Eltern für uns Kinder ein unterschiedliches Maß an Loyalität aufbrachten  – mein Vater war total loyal, aber in meiner Mutter schlummerte eine kleine Verräterin. Deshalb kam mir die Liebe zu ihr mit der Zeit abhanden. Manchmal glaubte ich zu spüren,  dass ich nicht die Art von Tochter war, die sie sich  erträumt hatte. Aber auch meine Geschwister genügten ihren Erwartungen nicht voll. Es kam mir so vor, als habe sie sich vor der Geburt ihrer Kinder jeweils ein festes Bild gemacht und war dann enttäuscht, dass wir diesem Bild nicht entsprachen. Sie versah uns mit Etiketten, die bis heute an uns haften.

Auf meinem Etikett zum Beispiel steht: intelligent, aber nicht ganz so intelligent wie Gini, strotzt vor Gesundheit, vorlaut, Quasselstrippe, längst nicht so sportlich wie Inni. An der Behauptung, meine Schwester Gini sei intelligenter als ich, hielt meine Mutter trotz Ginis mittelmäßigen Schulnoten und ihrem  beruflichen Scheitern bis zuletzt fest. „Wenn sie deine starken Nerven gehabt hätte – sollst mal sehen…“, begründete sie ihr Urteil. Gini, die mit ihrem süßen Puppengesicht spontane Sympathien auslöste und Beschützerinstinkte weckte, kam nun mal ihrem Wunschbild von einer bewunderten  Tochter am nächsten.

Dann erinnerte ich mich, dass schon Oma Jakob, Mutters Mutter, öfter mal durchblicken ließ, nicht die Kinder bekommen zu haben (vier Söhne und vier Töchter), die sie sich wünschte. Besonders die Söhne wären eine Enttäuschung: Kurtchen „ein Angeber mit viel zu kurzen Beinen“, die Zwillinge Uli und Manna,“diese halben Portionen, ungehobelt und faul“, und ihr Nachkömmling Berndchen, ein „nie erwachsen gewordenes Muttersöhnchen“. Stattdessen bewunderte sie die schneidigen sowjetischen Soldaten, die in ihre Werkstatt kamen, um sie mit dem Druck von Kranzschleifen für die nächste Gedenkzeremonie zu beauftragen. Hatte sie diese Distanz zur eigenen Brut an meine Mutter weitergegeben, die wiederum für ihre Mutter  keine Liebe aufbrachte? Und wie war es zu dieser Distanz gekommen? Fühlten sich die beiden überdurchschnittlich klugen, mit kreativer Phantasie und handwerklichem Geschick begabten Frauen als kinderreiche Mütter über- und unterfordert zugleich? Überfordert von der permanenten Brutpflege und unterfordert in Bezug auf die Entfaltung ihrer Talente?

Oma Jacob hatte Putzmacherin gelernt und beglückte ihre Enkelinnen noch als alte Frau mit originell geformten und bestickten Filzkappen, die heute ein Schweinegeld kosten würden. Meine Mutter nähte oder strickte uns aus geschenkten Stoff- bzw. Wollresten wunderschöne Sachen (angesichts der Ergebnisse versorgten uns Freunde und Bekannte gern und oft mit Material). „Das Dreimädelhaus“ – so nannte man  mich und meine beiden Schwestern, fiel überall auf, ein paar Jahre später auch das hinzu gekommene Pärchen „Susi und Dicker“.

Wenn wir am Sonntag in die Kirche kamen, schossen wir mit unserer Garderobe den Vogel ab: Das „Dreimädelhaus“ im farblichen Dreiklang: Meta zum Beispiel in einem rosa oder zartgrünen Kleidchen, Inni meist in der hellblauen Variante und Gini in Gelb oder Orange. Ich erinnere mich an üppige Tellerröcke mit Streifen in verschiedenen Farbstellungen, an Hängerchen in naturfarbenem und tiefblauem Leinen mit Blumenstickerei am Ausschnitt, an weite Mäntelchen mit passender Baskenmütze aus Pepita. Für uns waren solche kreativen Extras eine Selbstverständlichkeit, manchmal sogar ein unterdrücktes Ärgernis, wenn Mutters Kreationen  gegen den letzten Modeschrei antreten mussten. Ich beneidete meine Schulfreundinnen um ihre Massenware-Perlonkleider mit Schaumgummi-Petticoat aus dem Westen und wusste damals noch nicht zu würdigen, um wie vieles schöner die bestickten Leinenkleidchen waren.

Ja, meine Mutter bestellte fleißig das Hinterland, war kreativ in den engen Grenzen des Möglichen und hatte ansonsten die Nase voll von uns. Mein Vater fand seine Befriedigung im Beruf und als Laienprediger. In seiner Freizeit spielte er hingebungsvoll mit seinen Kindern. Wir liebten seine Spielideen, seine Vorleseabende mit den falsch ausgesprochenen Namen der Helden Tom Sawaja und Becki Tatscher, wir liebten unseren Vater. Wir lieben ihn bis heute und hadern bis heute mit unserer schwer verdaulichen Mutter. Das ist absolut ungerecht, gibt jeder zu, aber Gefühle lassen sich mit dem Verstand nicht einfach mal so korrigieren.

Der Kelch eines Anwerbungsversuchs durch die Stasi ist an mir glücklicherweise vorüber gegangen. Aber was heißt glücklicherweise? Ich wusste schon ziemlich früh, dass wir als Neuapostolen für diesen Job nicht infrage kamen. Wir galten als harmlose Spinner, die sich aus allem Politischen heraushielten und nach der Devise lebten: „Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Wir standen zwar unter einer routinemäßigen Dauerbeobachtung, wurden aber ansonsten in Ruhe gelassen. Mein Instinkt sagte mir, dass diese Konstellation geeignet war, sich eine ganze Menge zu  erlauben, ohne behelligt zu werden.

*

Liebe Meta, Du bist wirklich eine Erzählerin vor dem Herrn. Das fiel mir spätestens dann auf, als Du mir zu Beginn unseres Studiums seitenlange Briefe schriebst und ich mich fragte, wie das möglich ist, dass Du als Schreiberin ja viel mehr geleistet haben musstest als ich jetzt als Leser, und für mich war das schon anstrengend, mich durch die Menge der Seiten zu arbeiten. Ja, irgendwo muss sie hin, die Lebensenergie, die sprudelnde. Vielleicht wird ja aus den Beiträgen auf dieser Seite mal eine Biographie, deine und meine. (Ich denke da an die „Vierzig Jahre“ von Günter de Bruyn.)

Gerade für uns in unserem Alter ist es wichtig, mit Freude am Detail, an den genauen Konturen des Einzelnen zu erzählen. Je älter wir werden, desto mehr „vermatschen“ sich nämlich unsere Erinnerungen, jedenfalls meine, desto mehr flachen sie ab und verquirlen sich miteinander. Mir passiert das immer öfter: Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass etwas an dem und dem Ort gewesen sein muss, einhundertprozentig, und ich muss mich dann von der Realität überzeugen lassen, dass es doch nicht so ist bzw. so war.

Wo früher einmal in unserem Geist ein Profil mit vielen Spitzen, Zacken und tiefen Tälern war, entstehen nun sanfte Hügelketten, bis alles durch die Altersdemenz ganz flach geworden ist. Das ist der Gang der Dinge bis zur horizontal gewordenen, geraden Linie auf dem Monitor neben unserem Intensivtherapie-Bett. Ich finde das auch beruhigend und tröstend: alles ebnet sich sowieso ein, alle großen Aufregungen, schmerzhafte und lustvolle Spitzen des Lebens, werden vom Sandpapier der Zeit abgerieben und abgeglättet, wie das das Wasser in Flüssen und Meeren seit Jahrtausenden mit dem Gestein tut, durch das es fließt.

Also sollten wir das markante Profil unseres Lebens beschreiben, so lange wir es selbst noch halbwegs kennen und können. Es wird vielleicht die „Anderen“ interessieren, die uns gut kennen, die nah mit uns verwandt sind, biologisch und mental. Aber vor allem ist es für uns selbst wichtig, damit wir uns in dem, was wir schreiben und erzählen, wiedererkennen und uns damit unserer selbst bewusster werden. Das ist das Wichtigste, glaube ich, das wir gegen das Fortschreiten der Demenz als Gang des Alterns tun können.

Und ich merke, dass es eine gute Idee war, unsere Reflexionen im Dialog zu führen. Wir regen uns gegenseitig an, helfen uns auf die Sprünge. Das gilt erst recht dann, wenn die Zeit, die Menschen zusammen verbracht haben, eine prägende war. Das trifft für mich auf die vier Jahre an der Erweiterten Goethe-Oberschule /1/ (EOS) von 1966 bis 1970, von unserem 14./15. Lebensjahr bis zum 18./19. eindeutig zu. Für mich gab es keine Zeit im Leben, in der ich mich so schnell entwickelt habe wie in diesen vier Jahren. So kommt es mir jedenfalls heute vor, obwohl es wahrscheinlich nicht stimmt. In den ersten Jahren unseres Lebens haben wir uns wahrscheinlich noch rasanter entwickelt, aber das ohne die bewussten Kämpfe der Jugend, an die wir uns heute noch erinnern können.

Ich war zu Beginn ein verklemmter Außenseiter, gefangen in seinen Verlegenheiten. Was ich heute „schamlos“ kann, zum Beispiel beim Fußballspielen einem Ball hinterherzujagen und mit aller Entschlossenheit nach ihm zu treten, war mir in meiner ganzen Jugend völlig unmöglich. Viel zu sehr hatte ich Angst, daneben zu hauen und mich zum Gespött der anderen zu machen. Wie hatte ich sie beneidet, die „richtigen“ Jungs, die das mit Enthusiasmus konnten, ohne Rücksicht darauf, welche Figur sie dabei abgaben. Eigentlich wollte ich zu ihnen gehören. Weil ich das nicht konnte, hatte ich mir einen Nimbus „philosophischer Überlegenheit“ zugelegt, der sich dann im Laufe der EOS-Jahre tatsächlich mit Inhalt füllte.

Wer lange eine Rolle spielt, übernimmt immer mehr von ihr in sein inneres Wesen. Das war wirklich Arroganz, mit der ich mich über meine Unbeholfenheiten hinwegrettete, auch mit dem völlig übersteigerten Anspruch, die zwar gutmütigen, aber ungehobelten und schlichten Gemüter unter meinen Klassenkameraden, die mir gefielen und die ja keine Ahnung von dem hatten, was wirklich wichtig war, zu „erziehen“, ihnen den Weg zu weisen hin zu meinen philosophischen Höhen.

Dass ich sie von ihrer körperlichen Gesamterscheinung her mochte, war die wichtigste Voraussetzung meines Interesses an ihnen. Sie sollten „Rohdiamanten“ in meinen Händen sein, ich wollte sie „schleifen“ und in Fassung bringen und das als ein selbst völlig unsicherer, verklemmter Mensch. Hier kommt sie wieder die Überhöhung, der Hochmut, als Ausgleich für Minderwerigkeitsgefühle.

Liebe Meta, falls Du im Laufe dieser Jahre einmal angefangen hattest, in mich verliebt zu sein, du hattest keine Chance. Ich war ein totaler Spätentwickler  – wie mein geliebtes Deutschland übrigens auch – , war noch verliebt in junge, natürlich-hübsche Menschen an sich, ohne schon Wert auf ihre Geschlechtlichkeit zu legen. Ich wollte damals nicht Sex mit Jungen und/oder Mädchen haben. Ich wollte gar keinen und kann nur staunen, wenn ich Berichte höre, dass sich 13-, 14-jährige Jungen von älteren Frauen verführen ließen. Bei mir wäre das undenkbar gewesen, auch von (älteren) Männern nicht. Ich wollte noch gar keinen direkten Sex. Mir reichte das Schauen und Träumen.

Sigmund Freud sagt ja auch, dass die Bisexualität das Normale und Ursprüngliche sei. Wer von vornherein nur heterosexuell wäre, hätte eine Entwicklungsstörung. Die Vorfreude ist die beste, das ist ein generelles Lebensprinzip von mir. Ich bin auf Vorformen und Vorposten, Randständiges insgesamt orientiert. Deswegen interessieren mich am ehemaligen deutschen Reich besonders Ostpreußen mit Königsberg und Elsass-Lothringen. Als brandenburger Lokalpatriot war ich fasziniert von Ziesar als einziger weiterer Stadt im alten Landkreis Brandenburg. Inzwischen heißt das Ganze „Potsdam Mittelmark“, was ich sehr ärgerlich finde. Ziesar lag am Rand des alten Landkreises, und ich fand es gut, in einer brandenburger Stadt noch das richtige und große Brandenburg im Rücken zu haben.

Es ist irre, welche gewundenen Wege menschliche Seelen gehen. Dazu gehört auch, dass ich Potsdam schon immer als Konkurrenz zu Brandenburg/Havel empfand und als ein Unrecht, dass die alte Hauptstadt der Mark Brandenburg nun „plötzlich“ Potsdam nachstehen musste, obwohl doch unsere Vaterstadt schon so hieß wie die ganze Mark. Schon damals, wo mir noch gar nicht bewusst war, dass das deutsche Terretorium infolge zweier Weltkriege um die Vorherrschaft in der Welt immer weiter geschrumpft war /2/, entstand so in mir ein Gefühl der historischen Ungerechtigkeit. Ich identifizierte mich immer mit dem, wozu ich gehörte, sowohl im lokalem wie auch im nationalen Sinn und litt unter dem, was ihm geschah, fast genauso, als wenn es mir persönlich zugestoßen wäre./3/

Das waren die einen, denen ich auf eine – im weitesten Sinn – erotische Art zugewandt war, die sportlichen „Bengel“ der Klasse. Mit den anderen verband mich eine seelisch-geistige Verwandtschaft. Es waren verhuschte Außenseiter wie ich. Während ich Spitze in Deutsch, Staatsbürgerkunde – wir hatten eine denkoffene Lehrerin, die ähnlich utopisch-kommunistisch dachte wie ich (von wegen „Nie wieder Staatsbürgerkunde!“, wie eine Schauspielerin in Berlin dümmlich-pathetisch auf einer Demonstration im November 1989 ausrief) – und eventuell noch in Geschichte war, waren sie Spitze in Mathematik, Physik und Chemie. Wir lernten zusammenzuhalten gegen die lauteren Jungs der Klasse, die schon etwas mit Mädchen hatten und die unverklemmt tanzen und Fußballspielen konnten.

Unserer beider Beziehung, liebe Meta, war ein Sonderfall. Wir beide erhöhten, sage ich jetzt mal ganz unbescheiden, im Zusammenspiel das geistig-kulturelle Niveau der Klasse immens. Ich war entsetzt, als ich mein Lehrerstudium in Leipzig begann, dass das Niveau der geistig-philosophisch-kulturellen Diskussionen in der Seminargruppe dort weit unter dem in unserer EOS-Klasse blieb. (Das gab meinem Hochmut noch einmal einen gewaltigen Schub, diesmal als brandenburger gegenüber den Sachsen und anderen Bevölkerungsteilen der ehemaligen DDR. /4/)

Wir beide spielten uns die Bälle im Literaturunterricht zu, vor allem ab der 11. Klassenstufe, waren gut bei Textinterpretationen, schätze ich, obwohl ich mich jetzt nicht an Einzelheiten erinnern kann. Aber du warst für mich erotisch nicht von Interesse, liebe Meta. Du gehörtest nicht zu den rauen, wilden Jungmenschen, die mir körperlich gefielen. Es gab durchaus auch Mädchen, bei denen das der Fall war, wenn auch mehr in Parallelklassen. Dich wollte ich nicht erziehen, du warst selbst schon vergeistigt und philosophisch genug.

*

Lieber Karl, manche Parallelen zwischen uns ziehe ich jetzt zum ersten Mal. Ich zitiere hier ein paar Sätze aus meinem Tagebuch vom 10.04.1968: „Es gibt viele Jungs in unserer  Klasse, die ich ohne Bedenken küssen würde, weil sie mir sehr gut gefallen. Aber es ist mehr eine geschwisterliche Liebe. Dabei fällt mir dann auf, dass ich mich als die große Schwester fühle. Sie sind Lausbuben, denen ich das Haar zerraufen möchte. Auch die Mädchen beobachte ich aus diesem hoheitsvollen Blickwinkel. Das ist keine Überheblichkeit, sie sind alle nette Kinder. Nur Karl beobachte ich anders. Ihm fühle ich mich nicht überlegen, aber er macht mich nervös.“

Bemerkenswert ist, dass wir ja beide damals nicht zum Kreis der angesagten Exemplare unseres Geschlechts gehörten. Ich auch nicht, wie du dich bestimmt erinnerst. Ich wurde, ebenso wie Henriette, mit der ich genau deshalb befreundet war, als etwas spinnerte Außenseiterin wahrgenommen und hatte auch nichts dagegen. Was das im engeren Sinne Geschlechtliche betrifft, so war ich ebenfalls eine Spätentwicklerin. Ich konnte mir noch bis zu meinem 18./19. Lebensjahr das Zusammensein mit einem Mann nur als Kuscheln und Küssen vorstellen und begehrte auch nichts, was darüber hinaus ging. Als zur Weimar-Exkursion (in der 10. oder 11.Klasse?) im Mädchenschlafraum sexuelle Erfahrungen ausgetauscht wurden, hörte ich mehr oder weniger interessiert zu, hatte aber nicht den Wunsch, mitreden zu können.

Mein Verhältnis zum anderen Geschlecht war durch eine frühe und sich häufig wiederholende Erfahrung geprägt: Die mich wollten, mit denen konnte ich nichts anfangen, und die ich wollte, die waren an mir nicht interessiert. Wenn ich mir überlege, wie rigoros ich damals Abfuhren erteilte, tut es mir heute noch leid. Kannst du dich erinnern, dass Eckbert eine Zeitlang mit mir anbandeln wollte und dich als Vermittler vorschickte? Du hast ihm den Gefallen getan, obwohl es dir sehr peinlich gewesen sein muss. Aber ich habe nur pikiert gefragt: „Wie kommt er denn darauf?“ und im Stillen gedacht, dass ich durchaus einverstanden gewesen wäre, wenn du für dich selbst um gutes Wetter gebeten hättest. Oder Hartmut aus der Parallelklasse,  der mir auf einer der Eisenbahner-Feten (wir gehörten zu den Schülern, die ihre abiturbegleitende Ausbildung bei der Bahn absolvierten) die Getränke bezahlen wollte, was damals als eindeutige Geste galt, die ich mit einem heftigen Zuknipsen seines Portemonnaies unterbrach, wobei ich ihm die Finger einklemmte.

Der erste Mann, bei dem sich die Übereinstimmung von Begehren und Begehrt-Werden ereignete, war Reini. Aber seine Stellung als mein Seminarleiter sprach natürlich gegen eine Beziehung. Unsere Annäherungsschritte waren sehr verhalten und ließen am Anfang immer einen Fluchtweg  offen. Den ersten unmissverständlichen Schritt machte schließlich ich. Und es dauerte dann noch mehrere Wochen, bis wir „einander erkannten“, wie es in der Bibel heißt. Ich betrat damit totales und er relatives Neuland. Im letzten Studienjahr traten wir öffentlich als Paar in Erscheinung, vermieden aber alles, was den Eindruck  erwecken konnte, dass sich der hoffnungsvolle Nachwuchswissenschaftler mit der deutlich jüngeren Beststudentin schmücken wollte oder dass die Studentin fachlichen Profit aus der Beziehung zog. Ich ging so weit, Reini jeden Blick in meine entstehende Diplomarbeit zu verwehren, damit ich mit ruhigem Gewissen sagen konnte: Mir hat niemand geholfen. Als Professor E., Reinis Chef und mein Diplombetreuer, Reini  zur Rede stellte, warum er mich nicht auf die fehlende Einbettung meiner Arbeit in den gesellschaftlich-historischen Kontext aufmerksam gemacht hatte – mit anderen Worten: warum der Arbeit das obligatorische „sozialistische Schwänzchen“ fehlte – antwortete Reini ziemlich kleinlaut, wie mir seine Kollegin Doris später berichtete: „Du glaubst doch nicht etwa, dass ich auch nur eine Zeile vorher lesen durfte.“

Das war die Zeit, in der ich anfing, fleißig zu werden. Der Grund war, dass ich Reini nicht blamieren wollte. Soll nicht heißen, dass ich von nun an den stupiden Drill und das Auswendig-Lernen für mich entdeckte; gegenüber solchen Lernformen hege ich bis heute einen starken Widerwillen. Aber was ich damals zu schätzen begann, war der Effekt, wenn die Anhäufung von Faktenwissen  irgendwann einen Punkt erreicht hatte, wo sich die einzelnen Fakten fast wie von selbst miteinander vernetzen. Und je dichter dieses Netz wird, desto leichter fällt es, neue Fakten zu integrieren und Leerstellen spekulativ zu füllen.

Übrigens habe ich dir auch einmal angeboten, mit einem Mädchen zu sprechen, das dir gefiel, wie du mir gestanden hast: Bärbel M. – aber du hast mein Angebot, bei dem ich mir sehr heroisch vorkam, erschrocken abgelehnt.

Was du über dein „matschiger“ werdendes Erinnerungsvermögen sagst, kann ich für mich nicht bestätigen. Ich war in der Familie schon immer diejenige, die man nach Einzelheiten aus der Vergangenheit befragen konnte. „Metas Gedächtnis müsste man haben“, hieß es dann. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass solche Einzelheiten immer schärfer und detaillierter zutage treten – allerdings um den Preis, dass mein Kurzzeitgedächtnis noch mehr für überflüssig gehaltene Details im Orkus verschwinden lässt.

Ich habe deine jüngsten Fußnoten im Blick und gehe bewusst nicht auf sie ein. Deine Behauptung beispielsweise, dass Russland Europa bedrohen und angreifen will, geht erschreckend konform mit dem herrschenden, durch massive Propaganda gestützten Meinungsstrom. Damit tust du genau das, was du mir immer mal wieder vorwirfst: mitten im bequemen Meinungsstrom zu schwimmen.  Auch deine Relativierung der deutschen Kriegsverbrechen finde ich ziemlich unerträglich. Man kann Mörder nicht mit dem Hinweis auf mörderische Zeitläufte und Kriegstreiber nicht mit dem Hinweis auf eine kriegsgeschwängerte Großwetterlage entschuldigen.

*

Lesen müsste man können, liebe Meta, und sich merken, was da – direkt darunter in Fußnote 2 – geschrieben stand: „Und auch die These, dass Hitler einem Angriff Stalins ’nur‘ zuvorgekommen war, sollte für die nicht so abwegig erscheinen, die heute unentwegt betonen, wie gefährlich Russland sei und dass, wenn es im Krieg in der Ukraine nicht besiegt werden sollte, weitere Angriffe auf europäische Länder bevorstehen würden.“ Ich habe von denen gesprochen, die heute unentwegt vor Russland warnen. Allerdings (eins) neige auch ich selbst dazu zu glauben, dass Stalin nicht besser war als Hitler und er genauso einen Angriff auf Deutschland plante, wie ihn Hitler auf die Sowjetunion schon durchgeführt hatte. Allerdings (zwei) bin ich fest überzeugt, dass Putins Russland heute nach der Ukraine keine weiteren europäischen Länder überfallen will und wird. Wir Deutsche können Putin nicht verstehen, weil wir verlernt haben, national zu denken. 1871 stand die Frage, ob es die „kleindeutsche“ Lösung bei der Gründung des deutschen Kaiserreichs ohne Österreich gibt oder die „großdeutsche“ mit Österreich. Immerhin war Wien jahrhundertelang die Hauptstadt des „Deutschen Bundes“ bzw. des „Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation“.

Bismarck hatte sich durchgesetzt und die Reichsgründung ohne Österreich eingefädelt. Dieses hätte sich von seinen „Kronländern“ Ungarn, Kroatien, Slowenien, Böhmen und Mähren trennen sollen, wozu es nicht bereit war. (Zurecht. Es war sehr beschränkt von den Preußen, nicht auch diesen „Ergänzungs“- und Partnerländern Österreichs den Beitritt zu einem deutschen Kaiserreich angeboten zu haben.) Ich als ein Deutscher mit Nationalgefühl fühle mich heute noch mit Österreich auf eine besondere Weise verbunden und, abgeschwächt, sogar mit den ehemaligen Kronländern. Wenn nun jetzt ein „Westen“ Österreich aus dem Bund deutscher Kultur herauslösen und es dafür der anglo-amerikanischen Kultur zuordnen wollte, würde ich mich auch mit allen möglichen Mitteln dagegen verwehren. Das würde ich genauso wenig hinnehmen wie Putin heute verhindern will, dass die Ukraine, die jahrhundertelang mit Russland in slawischer Brüderschaft verbunden war, aus diesem historisch-kulturellen Kontext nun „plötzlich“ herausgelöst und dem „Westen“ zugeschlagen werden soll. Die Ukrainer, die das wollen, verstehe ich: Wir alle wollen gut leben. Aber ich verstehe auch die Ukrainer, die das nicht wollen, weil sie noch ein nationales Bewusstsein haben.

 

Fußnoten

/1/ Damals war mir noch gar nicht so bewusst, wie froh ich sein müsste, in einer Schule lernen zu können, die diesen Namen trug. Ich bin mir inzwischen sicher, Johann Wolfgang Goethe ist wirklich ein großer Dichter und Denker.

/2/ Ich habe ja mehrmals darauf hingewiesen, als wie kurzsichtig es sich erwiesen hat, dass die Alliierten, die „großen Demokratien“ „des Westens“, 1945 Ostpreußen Stalin zugeschanzt hatten. Von dort kann Russland nun noch viel besser „Europa“ bedrohen, als dies zuvor möglich war. Und auch die These, dass Hitler einem Angriff Stalins „nur“ zuvorgekommen war, sollte für die nicht so abwegig erscheinen, die heute unentwegt betonen, wie gefährlich Russland sei und dass, wenn es im Krieg in der Ukraine nicht besiegt werden sollte, weitere Angriffe auf europäische Länder bevorstehen würden.

/3/ Ich hatte deswegen auch eine große Sympathie mit dem Unteroffizier Welzow in „Werner Holt“. Das Normale, als richtig Dargestellte war, zuerst an das eigene Leben zu denken. Aber es gab auch Menschen wie diesen Unteroffizier, dem war die eigene Nation genauso wichtig und vielleicht sogar noch wichtiger, sie waren charakterlich wahrscheinlich sogar die besseren Menschen, weil sie ein Denken hatten, das über das eigene Ich hinausging. Eine andere und berechtigte Frage ist, wie sehr die Liebe zu etwas, was größer ist als wir selbst, zum Beispiel zur eigenen Nation, missbraucht werden kann von Menschen, die selbst niedere Interessen verfolgen und das Über-Individuelle dafür geschickt instrumentalisieren. So war es bei Hitler: Er hat die deutsche Nation für seinen Rassenwahn instrumentalisiert. Um die Nation und die deutsche Sprache ging es ihm nicht, sonst hätte er Südtirol nicht Mussolini überlassen, ohne auszuhandeln, wie das dann sogar später in der Nachkriegszeit gelang, dass Deutsch wenigstens die zweite Amtssprache in Südtirol bleiben könnte. Mit der Vernichtung der Juden in Europa hat er auch das Jiddische, auch „Juden-Deutsch“ genannt, fast ausgerottet und er hat die militärischen Chancen Deutschlands massiv geschwächt durch die Vertreibung und Ermordung von einer halben Million deutscher Juden, von denen viele patriotisch im 1. Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft hatten.

/4/ Nachtrag vom 23.02.24: Ich bin ja nun über die Ottilie aus Thomas Manns „Lotte in Weimar“ gestolpert. Ich erkenne in ihr eine Seelenverwandte: Wir beide sind in unserer Zeit Außenseiter in Bezug auf ein national-patriotisches Denken, was unsere Zeitgenossen in ihrer großen Mehrzahl herzlich wenig interessiert(e). Sie waren und sind schon viel weiter – weg von dem, was wirklich wichtig ist, und surfen lieber auf den modisch angesagten Wellen des Denkens. Jetzt stoße ich bezüglich der Brandenburger im Vergleich zu den Sachsen und Thüringern auf einen ganz ähnlichen Hochmut bei Ottilie: Sie war „durchdrungen von der Superiorität [Überlegenheit] des Menschenschlages im Norden über den sächsisch-thüringischen, unter dem zu leben sie, wie sie sich ausdrückte, verurteilt war und dem sie eine notgedrungen verschwiegene, nur mir vertraute Geringschätzung widmete. Die heroisch gestimmte Seele dieses lieben Kindes war von einem Ideal beherrscht: es war der preußische Officier.“ (Gesammelte Werke in Dreizehn Bänden, Fischer Taschenbuch Verlag, Band II, S. 498) Bei Ottilie kommt dies von ihrem über alles geliebten Vater, der als rangniedriger preußischer Offizier zu wenig verdiente, um seiner Familie ein standesgemäßes Leben zu ermöglichen und sie deshalb verlassen musste. Bei mir kommt diese Hochachtung von den preußischen Tugenden, die den einzigen ernsthaften Widerstand gegen Hitler, der ihm wirklich gefährlich wurde, ermöglichte: Es waren preußische Offiziere um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die ihn anführten. Diese preußischen Tugenden – Treue, Kameradschaftlichkeit, Pflichtbewusstsein, Toleranz (jeder lebe nach seiner Fasson, so weit er weiter den Gemeinschaften, seiner Familie und Nation vor allem, dient, denen er zugehört), Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit -, die natürlich auch die Nazis für sich zu instrumentalisieren versuchten, gehören nach meiner Überzeugung auch zum Kern der Mentalität, die Deutschland zu einer führenden Industrienation der Welt werden ließ. Andererseits bin ich auch sehr für den österreichischen „Schmäh“, für süddeutsche Lockerheit. Thüringen, was Ottilie offenbar gar nicht so bewusst war, nimmt eine herausragende Stellung bezüglich der deutschen Literatur und Philosophie ein. (Ich denke nur an Luther, Goethe, Schiller, Herder, Wieland, Lessing und viele andere.) Diese beiden Seiten des deutschen Wesens müssten zusammenfinden. Das Preußische wird in Deutschland aber immer mehr geschliffen, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit werden verunglimpft und so geht es bergab mit dem deutschen Bildungswesen und, befürchte ich, nachfolgend auch mit dem Bruttosozialprodukt. Die preußische Mentalität kommt jetzt in Bezug auf Erziehung und Bildung in den führenden asiatischen Ländern wie Japan, Singapur, Südkorea, Vietnam und China zur Geltung.

 

2 Kommentare zu “Lebenslinien im Dialog erkennen – Meta und Karl III”

  1. Marlen sagt:

    Beneidenswert, liebe Meta und lieber Karl!
    Wie ihr eure gemeinsam verbrachte Zeit in den entscheidenden Jahren als schriftlichen Dialog aufarbeiten und als Lebenslinien festhalten könnt, ist sicher nicht vielen vergönnt.
    Mich hat es zum Erinnern angeregt, über diese wichtigen Lebensjahre bin ich gelegentlich in einen inneren Monolog gegangen. Daraus entstand, neben Kurzgeschichten, auch dieses Gedicht:

    Tief in mir
    sinnestrunken vom Duft der Hyazinthen
    senkt sich ein ferner Frühling mir ins Herz
    Jugendliebe
    sie altert nie tut mir noch heute gut
    nicht mehr so weh wie damals
    mild gereift und erdenschwer geworden
    träumt tief in mir noch immer das junge Mädchen
    ein Erinnern rosarot trage ich in mir
    so auch die Reime aus den Kindertagen
    will das alles nicht verlieren
    die Hoffnung nicht und nicht die Neugier

    Es lässt sich unschwer daraus ablesen, dass in meiner Jugendzeit vieles anders war. Das ergab sich zum einen aus der familiären Bedingung, zum anderen aus dem Umfeld, in dem ich Kindheit und Jugend verbrachte. Ich wuchs auf dem Land auf, umgeben von viel Natur und fernab von jeglicher Kultur und diversen Bildungseinrichtungen. Schon nach der 8. Klasse musste ich in einen anderen Ort und im Internat wohnen.

    Trotz allem habe ich Parallelen zu Meta entdeckt, denn auch ich war nicht die Tochter geworden, die sich meine Mutter mitten im Krieg so sehnlichst als Zubrot zum Stammhalter gewünscht hatte. Mein Verhalten war nicht ausreichend mädchenhaft, die Erziehung nach den Regeln meines Vaters für sie zu aufwändig. Auch mein Vater war unzufrieden, denn meine angepasste Mutter war das Vorbild für mich, so mussten Frauen sein, damit Mann sich wohlfühlen konnte. Leider hatte ich meine Anlagen weitestgehend vom Vater geerbt, so auch das „Lauf-Gen“ und die Lust auf alle möglichen Sportarten. Wenn ich Urkunden nach Hause brachte, gute Zensuren auf dem Zeugnis hatte und im Haushalt eifrig meine Pflichten erledigte, war mein Vater mit seiner Tochter zufrieden.

    Deshalb bemühte ich mich oft, denn nur meinetwillen konnte er mich wohl nicht lieben. Erst nach seinem Tod, da war ich 29, konnte ich nach und nach verstehen, viel später auch verzeihen. Er wollte kein zweites Kind, weil Krieg war, er erfüllte nur den Wunsch meiner Mutter. Als ich ein Jahr alt war, musste er für seine Pateizugehörigkeit büßen, indem man ihn dreieinhalb Jahre in ein Straflager nach Sibirien schickte. Er überlebte, seine Familie blieb ihm, ansonsten hatte er neben seiner Würde so ziemlich alles verloren und musste sich ganz neu erfinden. Ich denke, er war nicht mehr der Vater, den ich hätte haben können, wenn…

    Das hatte jedoch nichts damit zu tun, dass er mich als Tochter ganz anders behandelte als seinen Sohn, das war seine Denkweise.
    So durfte ich nicht die Sportschule besuchen, zu der ich delegiert wurde, und Sportlehrerin war auch nicht vorgesehen. Die Vorbereitung auf eine Familie wurde für mich groß, die Bildung klein geschrieben. Dem Bruder standen alle Möglichkeiten offen. Ich denke, schon aus dieser Zeit stammt mein Unrechtsbewusstsein, wenn es um die Chancengleichheit von Mann und Frau geht.

    Doch während ich mich noch in der 6. Klasse körperlich an einem Jungen rächte, begann ich etwa zwei Jahre später, mich für das andere Geschlecht zu interessieren. Ich war wohl schon immer extrovertiert, sehr an meinen Mitmenschen interessiert und immer bemüht, sie mit kreativen Einfällen zu unterhalten; heute nennt man so etwas wohl „Rampensau“. „War sie auch nicht schön, so wusste sie jedoch, sich interessant zu machen.“

    Durch den Sport war ich mir sehr wohl meiner Körperlichkeit bewusst, sah mein Äußeres jedoch, wie fast alle Mädchen und Frauen, mit allerlei Mängeln behaftet. Um trotzdem „anzukommen „, musste ich das irgendwie ausgleichen. Auch ich, liebe Meta, verliebte mich immer in denjenigen, der mich gar nicht auf dem Schirm hatte; aber verliebt war ich eigentlich immer in irgendwen. Mein Ehrgeiz,im Sport durch Wettkämpfe gestählt, gestattete es mir aber nicht, einfach klein beizugeben. Oft gelang es mir, dass es wenigstens für eine kurze Liaison reichte. Und so lernte ich die verschiedensten Menschentypen kennen und zwischen geeignet und ungeeignet für mich zu unterscheiden.

    Als ich dann im 20. Lebensjahr meinen Mann traf, wusste ich innerhalb von Minuten, dass er einer fürs Leben sein könnte. Glück war dann nur, dass er es auch so sah. Diese Gewissheit habe ich mir bis ins Alter bewahrt. Und als ich in mein Leben 2.0 starten wollte, hatte ich das gleiche Aha – Erlebnis noch einmal. Dass es für mich wieder passen könnte, wusste ich sofort. Die Erkenntnis, dass die Anpassung nicht mehr so wie in der Jugendzeit funktioniert, kam später. Es dauert halt alles etwas länger, ist mühevoller. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte…

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