Da schließt sich der Kreis oder: Der Ekel am Eigenen- „Isch geh Schulhof“ (6)

Philipp Möller ist ein guter Lehrer geworden. Gitarre spielen zu können, ist ein riesiges Plus, wenn man in der Schule arbeitet, erst recht in einer in Berlin-Neukölln. Er muss/kann in seiner Schule auch Musikunterricht geben, obwohl er dafür nicht ausgebildet ist. Er macht es gut.

12. Nach 11 Punkten in den vorigen 5 Teilen von „Isch geh Schulhof“: „Aus der Disco ist… eine einfache Regel bekannt: Die Leute feiern zu den Songs, die sie kennen, Also habe ich mir am Anfang des Schuljahres die Lieblingslieder der Kids nennen lassen und zu Hause all die, die sich auf der Gitarre spielen lassen, für den Unterricht vorbereitet. So habe ich in kürzester Zeit ein Repertoire zusammengestellt, mit dem ich in jeder Klasse für Begeisterung sorgen kann. ‚Oha, Herr Müller – er kennt unsere Musik!‘ ‚Abboooh, er’s voll cool, sch’wöre!'“ (S. 158)

13. Er ermutigt „die Schüler, vor der Klasse vorzusingen, gern auch zu zweit oder zu dritt. Zögernd finden erste Absprachen unter Freunden statt.“ Die Schüler stehen auf eine „knackige“, kurz gefasste Bewertung in Ziffern, also auf Zensuren: „Wir, Herr Mülla, isch’wöre – wir machen iebergeil!“ (S. 160) Früher berlinerten die Schüler in Berlin. Das wurde von den meisten Lehrern nicht gern gesehen, und sie wurden auf Hochdeutsch getrimmt. Inzwischen bedient sich auch der klägliche Rest deutschstämmiger Schüler einer „Kanak Sprak“, jedenfalls in Schulen, von denen das Buch handelt. Dagegen ist nichts zu machen und soll wohl auch nichts gemacht werden.

14. Als inzwischen versierter Lehrer hat „Herr Mülla“ „ein kleines Arsenal an Spielchen in der Hinterhand: Das erste ist aus der Einsicht entstanden, dass die Migrationshintergründe meiner Schüler eine reichhaltige kulturelle Vielfalt mit sich bringen – was bietet sich also besser an als eine musikalische Weltreise? Ich fordere alle Kids dazu auf, die Augen zu schließen und sich auf die Musik zu konzentrieren. Dann stimme ich auf der Gitarre einen Flamenco an und improvisiere ein paar Takte spanische Musik. Im Anschluss frage ich die Klasse, aus welcher Region der Welt diese Musik komme und lasse mir die Gebiete auf der Karte zeigen. [Es ist gut, wie er hier verschiedene Fächer miteinander verbindet – Karl.] Das gleiche Spielchen veranstalte ich mit der asiatisch klingenden Fünftonleiter, amerikanischen Blues, der russischen Tetris-Melodie [ginge heute natürlich gar nicht mehr – Karl] und französischen Chansons. Die größte Begeisterung entwickeln viele Kids aber bei den Klängen, mit denen sie am besten vertraut sind: der mystische Sound orientalischer Musik, den ich durch betörende Gesänge ergänze. /2/ ‚Züsch, er spielt Arabien!‘ ‚Nein, Mann, dieser Musik – es ist Türkei!'“ (S. 161f.)

Fällt Ihnen etwas auf? Philipp Möller offenbar nicht und dem größten Teil „normaler Leser“ sicher auch nicht, so sehr haben sie sich schon daran gewöhnt. Die deutschstämmigen Schüler bleiben heimatlos, sie dürfen und sollen keinen eigenen sprachlich-kulturellen Hintergrund haben, sie fungieren sozusagen als Hilfs-US-Amerikaner /3/. Sie haben keine eigene Musik, selbst zu solch persönlichen Anlässen wie Geburtstagen bedienen sie sich gewöhnlich englischer Lieder. /1/ Als Philipp Möller seine Vorgehensweise im Musikunterricht erläutert, verweist er auf seine eigene Kindheit: „… in der ich mit den Songtexten von Michael Jackson, Madonna und Roxette meine ersten Worte der englischen Sprache erlernt habe. Deshalb gehe ich vor jedem Song die Bedeutung und die Aussprache aller Texte durch – fächerübergreifendes Lernen at it’s best! [Hervorhebung – Karl]“ Wenn es schon aussichtslos ist, dass die Schüler von „Herrn Mülla“ jemals richtig Deutsch können, dann sollen sie doch wenigstens ein normgerechtes Englisch lernen. Das ist offenkundig Deutschlands Aufgabe und die Verpflichtung der deutschen Steuerzahler.

Dadurch, dass es keine deutschen Melodien im internationalen Musikquiz gibt, bleiben nicht nur die paar wenigen deutschstämmigen Schüler in der Klasse unbeachtet, sondern das ganze Land, das dieser Vielzahl kultureller Hintergründe erst eine neue Lebensgrundlage gegeben hat und sie miteinander verbindet. Das müssen die Schüler nicht wissen, wahrscheinlich auch nicht, wo es auf der Landkarte liegt. Wie war das mit den drei türkischen Mädchen im 3. Punkt (Teil 2 von „Isch geh Schulhof“)? Wir sind zwar in „‚Dings, Deutschland [geboren] – aber wir sind trotzdem Türkei!‘ Dabei legt sie ihre dicke Hand aufs Herz.“ Noch Fragen? Kinder machen immer ihre Eltern nach, Landeskinder auch das, was im Staat angesagt ist. Die deutschen Eliten selbst tragen zum Schrumpfen der deutschen Sprache und Kultur bei, hauptsächlich diese, sie ekeln sich offenbar regelrecht vor ihr, dass sie wie der Autor des Buches „Isch geh Schulhof“ gar nicht auf das Naheliegendste kommen, wenn es bloß um das niedere Deutsch geht und nicht um all die anderen hochangesehen Sprachen.

Einer der größten Kriegsverbrecher der Weltgeschichte, der „Führer“ Adolf Hitler, hatte im April 1945 gesagt, dass sich das deutsche Volk als das schwächere erwiesen habe, und dass es deswegen zu Recht untergehen und als Nation von der Bildfläche verschwinden werde. Sind jetzt die deutschen Demokraten dabei, Hitlers Prophezeiung in die Realität umzusetzen, nachdem es in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg durchaus einen Aufschwung der deutschen Kultur und Sprache gab?

 

Fußnoten

/1/ Vor einiger Zeit hatte ein alter Kollege, der inzwischen verstorben ist, zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen. Die meisten Geburtstagsgäste waren noch älter als ich. Ich konnte es nicht fassen, dass sie plötzlich „Happy Birthday“ anstimmten. Auf meine Frage, ob wir denn nicht eigene Lieder hätten, fragten sie mich fassungslos: Welche denn? Hoch soll sie leben, die US-amerikanische Umerziehung, dreimal hoch. (Oder: Wir freuen uns, dass du geboren bist, englische Sprache im deutschen Alltag!) Der Skandal besteht aber nicht in einem zu autoritären ausländischen Lehrer, sondern in der bereitwilligen Servilität seiner deutschen Schüler.

/2/ Ich mag sie selbst, diese orientalischen Klänge. Wenn ich in Berlin bin, höre ich gern den türkischen Sender Radio Metropol. Dort gibt es nicht ein deutschsprachiges Lied, obwohl er von Berlin aus sendet (und wahrscheinlich auch vom deutschen Steuerzahler finanziell unterstützt wird), aber zum Glück auch kein einziges englischsprachiges. Das ist der einzige Nicht-Klassik-und-nicht-Schlager-Sender, auf dem es möglich ist, der in Deutschland üblichen englischsprachigen Dauer-Beschallung im Radio zu entkommen. Außerdem gefällt mir die „mystische“ orientalische Musik eine Weile lang, wenn ich sie nicht ununterbrochen hören muss.

/3/ Wir sind ja auch zu klein für eine eigene Kultur. Wir sind ja bloß das mit Abstand größte Volk der EU, ihre mit Abstand größte Wirtschafts- und Handelsnation, nach den Russen das zweitgrößte Volk ganz Europas, weit vor den Franzosen, Briten und Italienern, die sehr wohl eine eigene Kultur haben, genauso wie zum Beispiel die Polen, Tschechen, Ungarn oder auch Schweden, Dänen und Finnen.

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