„Hast du denn schon deine Geburtstagskarte mit dem selbstverfassten Gedicht gelesen?“
Meine 14-jährige Enkeltochter schaut mich etwas verunsichert an und meint: „Noch nicht, nur angefangen, aber das ist zu anstrengend.“ „Willst du mir damit sagen, dass ich so liederlich geschrieben habe?
Dabei ist meine Schrift fast duktusgerecht.“ „Nein, das ist es nicht, aber ich kann prinzipiell Handschriften ganz schlecht entziffern.“ Nun war ich es, die ziemlich irritiert war. Ich weiß, dass sie eine sehr gute Schülerin ist und schon seit dem 1. Schuljahr in Englisch unterrichtet wird. Und nun so etwas!!
Ich begann zu recherchieren und erfuhr, dass die Handschrift nach und nach aus der Schule verdrängt wird. Man meint, sie aufgrund der Digitalisierung nicht mehr zu benötigen.
In den 1960er Jahren lehrten wir das Lesen und Schreiben, indem wir jedem Laut vier Buchstaben zuordneten: großer und kleiner Druckbuchstabe, großer und kleiner Schreibbuchstabe. Das Verbinden der Schreibbuchstaben geschah mit dem Finger in der Luft, danach auf der Bank, danach mit dem Stift im Heft, dazu wurde lautiert. Ob diese Methode richtig war, weiß ich nicht.
Ich weiß aber, dass die Erstklässler mit den bekannten Buchstaben bis Weihnachten lesen und schreiben konnten, die einen besser, die anderen nur sehr mühevoll. Nun vergleichen Sie mal mit heute, 60 Jahre später!
In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass das Erlernen und Anwenden der Handschrift für die geistige Entwicklung und das Lernen einen großen Einfluss hat. Die Schreibschrift wirkt sich positiv auf neuronale Aktivitäten aus, die die Kreaktivität, Feinmotorik und kognitiven Fähigkeiten fördern; die Hirnaktivität wird gesteigert.
Es wurde nachgewiesen, dass Erstklässler bessere Lernergebnisse erreichten, wenn sie die Schreibschrift beherrschten. Unser „Körpergedächtnis“ hilft uns, Buchstaben leichter wiederzuerkennen, weil unser Gehirn beim Schreiben jede Bewegung lenken muss.
„Begreifen“ kommt eben von Greifen.
Es ist erwiesen, dass Handgeschriebenes auch im Erwachsenenalter z.B. zum Stressabbau beitragen kann. Am Ende eines anstrengenden Tages oder in einer Lebenskrise Gefühle, Ideen, Sätze und Texte zu Papier zubringen, ist etwas sehr Entspannendes.
Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht. Mit Gedichten, Briefen und Kurzgeschichten habe ich mich aus so manchem Tief herausgeschrieben. Und die Ideen dafür landeten zuerst auf dem Papier, bevor sie digitalisiert, korrigiert und bearbeitet wurden. Stift und Papier begleiten mich fast überall hin.
Norwegen und Schweden, die Vorreiter der Digitalisierung an den Schulen, haben den Wert der Schreibschrift in der Grundschule längst wiederentdeckt, die Digitalisierung zwar nicht abgeschafft, aber auf später verschoben.
Auch die Kalligrafie, die ja auf der Schreibschrift basiert, ist nie aus der Mode gekommen. Sie ist nunmehr moderner, auch individueller geworden und befindet sich momentan im Aufwind.
Und wussten Sie, dass der 23. Januar der „Welttag der Handschrift“ ist? An diesem Tag wird daran erinnert, wie wichtig es ist, dass jedem Menschen eine unverwechselbare Handschrift eigen ist. Und nichts ist doch wohl persönlicher als ein handgeschriebener Brief, ein Glückwunsch, eine Widmung…